Beat Stauffer: Maghreb, Migration und Mittelmeer

Beat Stauffer, Maghreb, Migration und Mittelmeer. Die Flüchtlingsbewegung als Schicksalsfrage für Europa und Nordafrika, NZZ Libro 2019

Der Journalist Beat Stauffer ist ein hervorragender Kenner des Maghreb, insbesondere Tunesiens und Marokkos. Sein Buch bietet, insbesondere zu den Harraga, den maghrebinischen Boat People, sehr informative Einblicke. Andererseits steht das Buch für die Forderung nach eine Stabilisierung der europäischen Festungsmauern – eines neuen „Limes“ gegen die Barbaren.

Kommen wir zunächst zu den informativen Kapiteln: Es gibt einen guten Überblick über die maghrebinische Immigration nach Europa bis zur Schengen-Ära (Kap. 2), anschauliche Berichte über die Alltagssituation im tunesischen Hinterland (Kap. 4 und 5) und Reportagen über die „Schauplätze irregulärer Migration“: Tanger, Zarzis, Zuwara (Kap.7) oder die Situation von Subsahariens in Algerien, Tunesien und Marokko (Kap. 8 und 9).

Die illustrierten Kapitel 3 und 4 über die Harraga, unter dem Titel: Glückssucher, Abenteurer, Desparados mit einer Phänotypologie der Jugendlichen aus dem tunesischen Hinterland (Kap. 3), sind von Ambivalenz geprägt. Die Einschließung der Jugendlichen in Zwängen und ärmlicher Langeweile wird eindrucksvoll beschrieben, ebenso die Befangenheit in traditionellen Denkmustern, die Korruption und die Gewalttätigkeit der Sicherheitsorgane. Der Aufbruch ist nicht nur ein Beweis „von Männlichkeit und Mut“ (S. 56), sondern auch eine Art der Rebellion. „Auf eine solche Weise zu emigrieren bedeutet, die gesellschaftliche Ordnung herauszufordern“. (S. 57)

Für Stauffer ist völlig klar, dass die Harraga keine Chance bekommen sollen und mit allen notwendigen Mitteln aus Europa ferngehalten werden müssten. Seine Schilderung schlägt um in einen zugleich geographisch und sozial begründeten Rassismus.
„Angesichts des hohen Migrationsdrucks im Maghreb und vor allem in den Staaten südlich der Sahara gibt es für Europa mittelfristig wohl keine andere Möglichkeit, als die irreguläre Emigration so stark wie möglich einzudämmen und zumindest die Maghrebstaaten in dieses „Grenzmanagement“ einzubeziehen. […] Die Verteidigung der ureigensten Interessen Europas ist, sofern sie gewisse fundamentale Regeln einhält, durchaus legitim. Vor allem aber gibt es dazu keine Alternative, außer man misst dem Fortbestand Europas in der heutigen Form keine Bedeutung bei“. (S.215) Unschöne repressive Politik und „Drecksarbeit“ seien kurzfristig ohne Alternative. (S. 216)

Der Alarmismus Stauffers bezieht sich explizit auf das Buch seines Kollegen Stephen Smith, das die „Bevölkerungsexplosion“ und die Mobilität jugendlicher Subsahariens als Bedrohung für Europa beschreibt. Solchen Autor*innen gegenüber (zuletzt hat sich auch die famose Ayaan Hirsi Ali mit einem Buch gegen die illegale Migration wieder zu Wort gemeldet) reicht es nicht allein, den Geflüchteten mit Empathie zu begegnen. Eine explizite Gegenposition müsste lauten: Ja, wir wollen, dass Europa verändert wird, dass solidarische Räume geöffnet werden jenseits von Kleinfamilien und Eigenheimen. Es stimmt, dass die Harraga zum Teil etwas ruppig und ungebildet sind, aber zugleich begierig auf Neues. Sie sind ein Faktor, mit dem zu rechnen ist bei der Neuerfindung Europas.

„Es ist naiv zu glauben, man könnte mit Mauern und bometrischen Daten eine „weiße“ Parallelgesellschaft aufrechterhalten. […] Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir die Chance zur Gestaltung einer migrationsfreundlichen Welt ergreifen?“
(Volker M. Heins: 2021: Offene Grenzen für Alle. Eine notwendige Utopie)

Author(s): Beat Stauffer

Publisher or Journal: MZZ Libro

Year of Publication: 2021

Document Type: Book

Link: https://www.nzz-libro.ch/maghreb-migration-flucht-mittelmeer-nordafrika-stauffer

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