Die Verschwundenen von Tripolis

Aliou Candé gehörte zu den vielen, die hoffnungsvoll nach Europa aufbrechen und nun in Libyen inhaftiert sind. Dieser Report gibt erstmals einen Einblick in das tödliche Gefängnissystem und dokumentiert die Mitverantwortung Europas an diesem Verbrechen der Gegenwart.

In den letzten sechs Jahren hat die EU – der finanziellen und politischen Kosten der Fluchtbewegungen aus den Ländern südlich der Sahara überdrüssig – ein Schattensystem geschaffen, das die Menschen aufhält, bevor sie Europas Küsten erreichen. Und sie hat die libysche Küstenwache, eine paramilitärische Organisation, finanziert, ausgebildet und ausgerüstet. Diese patrouilliert im Mittelmeer, sabotiert humanitäre Rettungsaktionen und greift Geflüchtete auf dem Weg nach Europa auf.

Anschliessend werden die Menschen in Libyen in ein Lagersystem geschleust, wo sie auf unbestimmte Zeit und ohne Gerichtsverfahren festgehalten werden. Betrieben werden die Gefängnisse in der Regel von einer der vielen konkurrierenden Milizen. Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden etwa 6000 Menschen in diese Einrichtungen gebracht – die meisten davon nach al-Mabani. Internationale Hilfsorganisationen haben eine ganze Reihe von Misshandlungen in den Einrichtungen dokumentiert: Elektroschocks an Gefangenen, Vergewaltigungen durch das Wachpersonal, die Erpressung von Lösegeld von den Familien der Inhaftierten und den Verkauf von Männern und Frauen zur Zwangsarbeit. «Die EU hat dieses System seit Jahren sorgfältig und überlegt geplant: Es ist ein Höllenloch, um die Menschen davon abzuhalten, nach Europa zu kommen», sagt der Menschenrechtsanwalt Salah Marghani, der von 2012 bis 2014 libyscher Justizminister war, im Gespräch.

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Author(s): Ian Urbina

Full Title: Die Verschwundenen von Tripolis

Publisher or Journal: WOZ

Year of Publication: 2021

Document Type: Report

Link: https://www.woz.ch/2151/flucht-nach-europa/die-verschwundenen-von-tripolis

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