Mali: Bounti war ein Massaker

Anfang Januar 2021: Nachdem kurz zuvor die erste weibliche Angehörige der französischen Operation Barkhane in Mali getötet worden und die Zahl der französischen Gefallenen dort auf insgesamt 50 gestiegen war, führt die französische Armee nahe dem Dorf Bounti im Osten Malis Luftschläge durch. Nach Angaben des französischen Verteidigungsministeriums wurden dabei etwa 30 Menschen „neutralisiert“, die zuvor zweifelsfrei als Angehörige einer terroristischen Gruppe (groupes armés terroristes, GAT) identifiziert worden waren. […]

Die UN-Truppe MINUSMA, die mit gut 15.000 bewaffneten Kräften vor Ort ist und an sich eng mit der malischen und französischen Armee kooperiert, sah sich genötigt, die Luftschläge zu untersuchen. Am 30. März stellte deren Abteilung für Menschenrechte und den Schutz der Zivilbevölkerung ihren Bericht vor und veröffentlichte eine Zusammenfassung. Demnach waren unter den 22 Menschen, die bei den Luftschlägen getötet wurden, 19 Zivilisten gewesen, von denen die Mehrheit in Bounti lebt. Mindestens acht weitere Zivilisten seien im Zuge der Luftangriffe verletzt worden. Bei drei der Getöteten hingegen habe es sich um mutmaßliche Angehörige der Gruppe Katiba Serma gehandelt, die als djihadistisch gilt. Insgesamt seien rund einhundert Männer anwesend gewesen, von denen fünf bewaffnet gewesen seien. […]

Dieser Umgang mit der Wahrheit macht den Vorfall in Bounti auch zu einem wichtigen Beispiel zum Umgang mit Nachrichten und „Gerüchten“: Im Krieg wird gelogen und offenbar wird auch von den Verbündeten Deutschlands gelogen. Im Falle Bounti war es offenbar die Wahrheit, die von den Regierungen als Propaganda der Terroristen und Fake News gebrandmarkt wurde. Zugleich wird aktuell darum gerungen, deren Verbreitung zu kriminalisieren und Plattformen zu verpflichten, sie zu unterbinden. Ein Strategiepapier im Auftrag des EU-Parlaments z.B. träumt schon davon, über ganz Europa verteilt Zentren zur Überprüfung von Nachrichten mit insgesamt 50.000 Vollzeitstellen aufzubauen, was es ermöglichen könne, dass „bis 2025 geschätzte 95% aller Falschnachrichten innerhalb von fünf bis sieben Minuten“ nach ihrem Erscheinen bzw. dem Erreichen „europäischer Öffentlichkeiten“ entfernt werden könnten. Ob diese Zentren dann auch im Stande wären, die Lügen der eigenen Regierungen zu entlarven oder von diesen auch instrumentalisiert werden könnten, die eigene Propaganda gegen „alternative Fakten“ durchzusetzen, erscheint vor diesem Hintergrund fraglich.

Author(s): Christoph Marischla

Publisher or Journal: IMI

Year of Publication: 2021

Document Type: Article / Website

Link: https://www.imi-online.de/2021/04/01/mali-bounti-war-ein-massaker/

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