Migration und soziale Ungleichheit

Die soziale Frage ist zurück. Jedoch geht es bei der sozialen Frage der Gegenwart nicht mehr nur um den Konflikt zwischen Arbeit und Kapital, so wie noch im 19. und 20. Jahrhundert. Die heutige soziale Frage kommt räumlich im Gegensatz von globalem Süden und dem globalen Norden zum Ausdruck. Ein wichtiges Feld ist die Migration bzw. Flucht von Menschen, die ein besseres Leben suchen oder die aus bedrückenden und repressiven politischen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen fliehen. Die soziale Frage ist transnationalisiert, weil Kapital und politische Herrschaft staatliche Grenzen überschreiten, weil Migrant*innen und ihre Angehörigen grenzüberschreitende Verbindungen zwischen Nationalstaaten in transnationalen sozialen Räumen unterhalten; und weil Migration Auswirkungen auf soziale Ungleichheiten zwischen globalem Süden und globalem Norden und innerhalb der jeweiligen Nationalstaaten hat. In früheren Zeiten haben Klassenunterschiede politische Konflikte dominiert. Obwohl Klasse schon immer mit einer Vielzahl an anderen Heterogenitäten interagierte, nicht zuletzt von kulturellen Konflikten rund um Ethnizität, Religion und Sprache, sind es diese kulturellen Heterogenitäten, die in den letzten Jahrzehnten für soziale Positionen und Lebensverhältnisse, aber auch für politische Auseinandersetzungen wichtiger geworden sind. Somit skizziert dieser Beitrag grenzübergreifende Migration als ein strategisches Forschungsfeld für die gegenwärtige soziale Frage.

Author(s): Faist, Thomas

Publisher or Journal: Zeitschrift für Migrationsforschung, 1(1)

Year of Publication: 2021

Document Type: Essay

Link: https://journals.ub.uni-osnabrueck.de/index.php/zmf/article/view/95

Nach oben scrollen