Offene Grenzen für Alle

Volker Heins: „Offene Grenzen für alle. Eine notwendige Utopie“. Hoffman & Campe, Hamburg 2021, 224 S., 22 Euro

Klappentext:

Offene Grenzen – keine Forderung könnte der aktuellen politischen Stimmung mehr widersprechen. Dieses Buch zeigt: Eine Welt mit offenen Grenzen ist nicht nur möglich – sondern sogar dringend notwendig. Volker Heins zeigt, dass Mauern und Abschottung kein Garant für Wohlstand und Sicherheit sind, sondern eine Gefahr für die Demokratie. Anders als andere Experten beschreibt er die weltweiten Wanderungsbewegungen nicht nur aus der Perspektive der Regierungen, sondern auch aus der Perspektive von Migranten. Mehr noch: Er geht unserem Bedürfnis nach Grenzen und Abgrenzung auf den Grund. Sein Plädoyer für eine realistische Politik der allmählichen Öffnung aller Staatsgrenzen macht deutlich, dass globale Bewegungsfreiheit für den Bestand einer stabilen und gerechten Weltordnung unverzichtbar ist. Dieses Buch zeigt, welche Voraussetzungen dazu notwendig sind und wie in Zukunft unser Zusammenleben neu und besser gelingen kann – über alle Grenzen hinweg.

Der Autor in einen Interwiew mit der TAZ:

Wie konnte es eigentlich passieren, dass in unserer sich immer weiter globalisierenden Welt zugleich immer härtere Grenzregime entstehen?
Mit der wachsenden Verwobenheit der Welt und der Erweiterung der Horizonte wächst das Bedürfnis nach sozialräumlicher Bewegungsfreiheit. Militarisierte Grenzregimes sind eine erschreckend gewaltsame und fantasielose Antwort auf den wachsenden Mobilitätsbedarf besonders von Menschen aus dem globalen Süden. Letztlich sind sie der vergebliche Versuch, eine „weiße“ Parallelgesellschaft auf der Erde zu erhalten oder wiederherzustellen.

Eines der Hauptargumente gegen offene Grenzen lautet, dass sich dann sofort die halbe Welt auf den Weg zu uns macht. Gibt es da nicht wirklich so etwas wie „Kapazitätsgrenzen“?
Menschen wandern typischerweise von ärmeren in reichere Regionen, wo sie auf ein besseres und friedlicheres Leben hoffen. Mein erster Satz lautet, dass sie dazu erst einmal alles Recht der Welt haben. Zwischen 1840 und 1940 sind zwischen 50 und 60 Millionen Europäerinnen nach Nord- und Südamerika ausgewandert. Im selben Zeitraum haben sich ungefähr genauso viele Inderinnen und Chinesen in Südostasien und an den Küsten des Indischen Ozeans niedergelassen. Andere sind aus Russland in die Mandschurei und nach Zentralasien gezogen.
Man stelle sich vor, Politiker in den Zielländern all dieser Wanderungsbewegungen hätten damals in New York oder Shanghai darüber beraten, wie sie die Ursachen dieser Wanderungen bekämpfen sollten, die Russinnen, Inder oder Italiener zum Aufbruch veranlassten. Hätten sie Hilfsprogramme aufstellen oder Plakate und später Filme zeigen sollen, die den Auswanderungswilligen deutlich gemacht hätten, dass Amerika und die großen Küstenstädte Chinas doch nicht so toll waren, wie sie glaubten? Das ist unrealistisch. Immer sind Menschen dahin gewandert, wo es Arbeit oder Land gab und folglich keine „Kapazitätsgrenzen“. Und fast immer sind sie bei Teilen der Bevölkerung auf Abwehr und Rassismus gestoßen.

Würde dann also mehr Zuwanderung den Rassismus bei uns nicht erst recht schüren?
Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts vertraten Politiker in Kalifornien den Irrglauben, dass man den antichinesischen Rassismus am besten dadurch bekämpft, dass man keine Chinesen mehr ins Land lässt. Tatsächlich verlief die Entwicklung genau andersherum. Erst mit der massiven Ausweitung und Normalisierung der chinesischen Einwanderung verlor allmählich auch das antichinesische Ressentiment seinen politischen Stachel. Nur eine vielfältige Gesellschaft schützt vor Rassismus.

 

Author(s): Volker Heins

Publisher or Journal: Hoffmann und Campe

Year of Publication: 2021

Document Type: Book

Link: https://www.perlentaucher.de/buch/volker-heins/offene-grenzen-fuer-alle.html

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