Die Ertrunkenen im Mittelmeer

Anmerkungen zum Buch von Paolo Cuttitta und Tamara Last (Eds): Border Deaths. Causes, Dynamics and Consequences of Migration-related Mortality. Amsterdam University Press, 2020

von Eberhard Jungfer, FFM. Bei FFM arbeiten wir seit 1994 über Migrationsbewegungen und europäische Ausgrenzungspolitik.

 

Die Ertrunkenen im Mittelmeer. Wie sich diesem Thema nähern von einem trockenen und warmen Plätzchen aus? Aktiv und angerührt sein bei einer Commemoraction – aber es bleibt dieses ständige und lähmende Gefühl einer Unzulänglichkeit und Hilflosigkeit, das sich aktivistisch nicht aufheben lässt.1Eine Commemoraction ist eine aktivistisch organisierte Gedenkveranstaltung Die große Migrationsbewegung von 2015/16 ist eingebrochen, um einen hohen Preis an Menschlichkeit und Menschenleben. Aber das Buch von Paolo Cuttitta und Tamara Last ist kein Nachruf. Weiterhin versuchen zahllose Menschen, die Grenzen der Festung Europa zu überwinden und ein Ende der grausamen Politik des Ertrinken-Lassens ist nicht in Sicht. Druck aufzubauen gegen die Todespolitik an den Grenzen und in ihrem Vorfeld war schon vor Corona schwierig. Wer im relativen Luxus lebt und leben will, arrangiert sich in tiefen psychischen Mechanismen mit den grausamen Bildern und den Todesziffern. Dokumentieren, was geschieht, ist wichtig – und wäre es nur für die Nachwelt. Was vor den Toren Europas geschieht, ist unverzeihlich.

Sterben an den Grenzen – Bestandsaufnahmen

Bevor wir über den Sammelband sprechen, der einer Tagung aus dem Jahr 2018 entstammt, soll an die aktuelle Situation auf dem Mittelmeer erinnert werden. Vor einem Jahr, am 09.02.2020, sind 91 Boat People, die in Libyen auf ein schwarzes Gummiboot gestiegen waren, unter den Augen der italienischen und maltesischen Rettungsstellen ihrem Schicksal überlassen worden. Einmal mehr. Seit 2014 wurden 21.500 Ertrunkene gezählt, im Januar und Februar 2021 waren es 261 Tote, nicht inbegriffen die anonymen Körper, die an den tunesischen Küsten angeschwemmt wurden oder die auf dem Mittelmeer verschollen sind. Alarmphone ist ein transnationaler Zusammenschluss von Aktivist*innen, die einen unabhängigen Notruf für die Boat People organisieren und versuchen, die Fälle von Nicht-Rettung und die Todesfälle auf See so gut es geht zu dokumentieren. Im Aufruf für die Commemoraction schreibt das Alarmphone:

The 91 people who went missing on 9 February are not accounted for in official statistics, which only count those shipwrecks confirmed by survivors. In absence of witnesses, dozens of shipwrecks are not recorded and acknowledged by international organisations.
We reject the logic of reducing Black/Migrant people, their lives and their deaths to numbers and statistics. This racist dehumanisation does not account for the loss of Abdul, of Aboubacar, of Adnan, of Afdel. It does not account for the pain inflicted to their mothers, their sisters, their friends. It does not account for the White supremacist violence, by action and by inaction, historical and present, that keeps murdering Black/Migrant lives or lets them die at sea.
The silence and lack of acknowledgement denies entire communities the right to know about what happened to the people who went missing. It denies entire communities the right to bury their loved ones, to mourn them, and to find closure after painful searches.

 

 

Die Amsterdamer NGO UNITED for Intercultural Action sammelt seit 1993 die Namen der Toten an den Grenzen Europas. Bis zum 11. Juni 2020 wurden 40.555 Namen erfasst. UNITED sucht die Informationen bei NGOs, Forschungsinstituten, Journalist*innen, Regierungsorganisationen und in anderen Quellen. Die Liste ist mit Sicherheit nicht vollständig. In Spanien brachten Migrant*innen- und Menschenrechtsorganisationen den massenhaften Tod vor Gibraltar an die Öffentlichkeit: Zwischen 1991 und 1996 sind wahrscheinlich allein in der Meerenge von Gibraltar zwischen 2.000 und 4.000 Menschen umgekommen.2https://ffm-online.org/wp-content/uploads/2018/11/Ausgelagert.pdf, S. 35 In den späten 1990er Jahren widmeten sich Forensik- und Migrationswissenschaftler*innen den Toten an der US-mexikanischen Grenze, deren Zahl infolge einer Verschärfung der Grenzkontrollen angestiegen war. Später befassten sich auch in Europa Wissenschaftler*innen mit dem Thema. Tamara Last, die Mitautorin des hier besprochenen Buchs, hat eine Datenbank angelegt, die auf offiziellen Daten beruht – den „death management systems“ von Spanien, Gibraltar, Italien, Malta und Griechenland. Auf der Homepage werden die Sterbefälle im Mittelmeer und auf der Kanarenroute für die Jahre 1990 bis 2013 auf einer Landkarte visualisiert. Für die Jahre 2013 bis 2015 gibt es eine Aufstellung auf dem Blog von Gabriele Del Grande, Fortress Europe. Maël Galisson hat seit 1999 die Toten im Ärmelkanal dokumentiert und mehr als 290 Tote ermittelt. Sie hat eine Zeitleiste erstellt, die im letzen Jahr auch auf Englisch publiziert wurde. Seit 2014 dokumentiert Alarmphone die Katastrophen in der Ägäis, auf der zentralen Mittelmeerroute und im westlichen Mittelmeer. Seit 2017 gibt es die von der IOM gestützte Missing Migrants Website, die in Kapitel 4 des vorliegenden Buchs vorgestellt wird.


Das Ertrinken-Lassen hat Helmut Dietrich als „Europäische Lösung“ bezeichnet, in Analogie zur „Pacific Solution“, wie die von der australischen Regierung praktizierte Verbannung der Geflüchteten auf ferne Inseln bezeichnet wurde. Zur „Europäischen Lösung“ gehören auch das Verdursten-Lassen in der Wüste, das auch an der Grenze zwischen Mexiko und den USA von Bedeutung ist, die Hotspots und die Lager. An der Grenze zwischen Mexiko und den USA sterben jährlich zwischen 250 und 500 Menschen.3https://www.zeit.de/politik/ausland/2017-02/grenze-mexiko-usa-grenzschutz-einwanderer-opfer/komplettansicht/, siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Grenze_zwischen_den_Vereinigten_Staaten_und_Mexiko Die Zahl der Toten an der Grenze zu Australien betrug seit dem Jahr 2000 wahrscheinlich 2.000 Menschen, mit einem Höhepunkt im Jahr 2012 mit mehr als 400 Toten. Die Monash University erstellte eine Australian Border Death Database, auf der diese Schätzungen beruhen. Das Buch von Leanne Weber und Sharon Pickering, Death at the Global Frontier,4Leanne Weber and Sharon Pickering (2011): Globalization and Borders: Death at the Global Frontier, London, vgl. https://enigmur.hypotheses.org/2989 verglich die Situation an den Grenzen zwischen dem globalen Süden und Norden in Europa, Australien und Nordamerika. Die Europäische Lösung, das Ertrinken-Lassen zu Zehntausenden, ist allerdings einzigartig auf der Welt.

In den Jahren 1949 bis 1989 wurden an der innerdeutschen Grenze 327 Menschen getötet. An die Opfer erinnern zahlreiche Mahnmale und Gedenkstätten. Die kleinen Gesten des Gedenkens an die im Mittelmeer Ertrunkenen – Schuhe, Blumen, Schwimmwesten – werden dagegen in der Regel umgehend von der Müllabfuhr entsorgt. Die Politik argumentiert, dass die Sperrung der Migrationswege Menschenleben rette. Müssten wir also im Umkehrschluss das DDR-Regime kritisieren, weil die Mauern nicht hoch genug waren, so dass Menschen gar nicht erst in Versuchung kamen, sie zu überwinden?

Perspektiven des Sammelbandes

Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, um dem Kreislauf von Flüchtlingsabwehr und noch mehr Toten zu entkommen? Das Nachwort von Border Deaths, „Vom Eisernen Vorhang bis Lampedusa“ von Thomas Spijkenboer, geht dieser Frage nach:

  • Zuerst müsse demnach anerkannt werden, dass die rassistisch als „die Anderen“ ausgegrenzten Toten an den Grenzen von Bedeutung sind. Dazu gehöre, dass sie wenigstens gezählt werden und die Todesursache festgehalten wird.
  • Zweites müsse der Einfluss der Sicherheitsindustrie auf die Politik geschwächt werden und zivile Akteur*innen sollten von vornherein über Mitspracherechte verfügen und
  • drittens müsse die Politik aus dem Tunnelblick der Alternativlosigkeit befreit werden.

1989 gelang es in Europa, eine Situation zu beenden, in der Menschen starben, wenn sie versuchten, die Grenzen irregulär zu überqueren. Seitdem sterben Menschen an anderen Grenzen. Wie die Todesfälle am Eisernen Vorhang sind auch diese Todesfälle die Folgen menschlicher Entscheidungen. Deshalb kann auch diese Situation beendet werden. Diese Veränderungen müssen vielleicht genauso tiefgreifend sein wie jene von vor 30 Jahren. (S. 168)5Übersetzungen aus dem Englischen durch den Autor

Exceptionalization and Normalization

Im Vorwort beschreibt Paolo Cuttitta die Situation auf dem zentralen Mittelmeer im Jahr 2018 als Wechselspiel zwischen der Konzeptualisierung der Migration als Ausnahmezustand und der Gewöhnung an die angeschwemmten Leichen (Exceptionalization and Normalization). Implizit wird Migration zum Ausnahmezustand erklärt, so Cuttitta, wenn der Fokus auf die Toten gerichtet wird:

Durch Prozesse der räumlichen Distanzierung und symbolischen Dehumanisierung von Menschen „on the move“ führen restriktive Migrations- und Grenzpolitiken zu einer wachsenden kollektiven Gleichgültigkeit gegenüber Grenztoten, die als „Norm“ zunehmend akzeptiert werden. Wichtig ist, dass eine solche Normalisierung in einem Kontext der Exzeptionalisierung von Migration als solcher stattfindet: Migration, die durchaus als normales soziales Phänomen gesehen werden könnte, wird in etwas Außergewöhnliches verwandelt. Die Normalisierung des Todes und die A-Normalisierung der Migration erscheinen dann als Spiegelprozesse. Aus dieser Perspektive scheint es keine andere Lösung zu geben, als irreguläre Migration und Schleusung zu bekämpfen. […]
Die Gefahr besteht darin, dass man den Zusammenhang zwischen Grenzpolitik und Grenztod und dem Unterschied zwischen dem, was normal und natürlich ist (oder sein sollte) – Migration –, und dem, was außergewöhnlich und unnatürlich ist (oder sein sollte) – Sterben durch Migration –, aus den Augen verliert.
(S. 11)

Die Toten sind Resultat einer strukturellen Gewalt des Migrationsregimes. Aber auch das Zählen der Toten kann Teil dieser strukturellen Gewalt sein – sei es aus Gründen der Abschreckung oder der Legitimierung zusätzlicher Sicherheitstechnik. Cuttitta beschreibt die Gleichzeitigkeit der Aufrüstung an den Grenzen und der Humanitarisierung des Grenzregimes (Securitarization and Humanitarization), also die Verschränkung der NGOs mit der Sicherheitslogistik und ihren Praktiken als Bestandteile ein und desselben Regimes. Und:

Aggregationen von Zahlen sollten nicht die Bedeutung jedes einzelnen Todesfalls und die Prozesse, die zu Todesfällen an der Grenze führen, verdecken. „Das Problem liegt in der Verwendung von Todeszahlen als zentralem Weg, sich mit dem Tod zu beschäftigen und damit diese Toten aus der Geographie und der Verantwortlichkeit zu entfernen“. (S. 12)

Zählen, trauern, gedenken. Dieses Buch hilft uns, die Beschäftigung mit den Toten in mehreren Dimensionen kritisch zu reflektieren. Wer stirbt wo und wie? Natürlich müssen Staaten zur Dokumentation verpflichtet sein. Trauerfeiern, die als Staatsritual inszeniert werden, dienen indes nur der Reinwaschung der Verantwortlichen und sind den Hinterbliebenen keine Hilfe, sofern keine Konsequenzen gezogen werden und Schmerzensgeldansprüche nicht zugelassen werden. Es stellt sich nicht nur die Frage nach einem respektvollen Umgang mit den Toten, sondern auch nach Solidarität mit den Hinterbliebenen, nach Reparationen und letztlich nach dem grundsätzlichen Umgang mit globaler Ungerechtigkeit.

Die Todesfälle an den Grenzen sind nur die Spitze eines Eisbergs von Gewalt und Diskriminierung, die das gegenwärtige globale Migrationsregime durchdringen. Leid und Ungerechtigkeit materialisieren sich nicht nur im Tod; sie können sich auch auf viele andere Arten ausdrücken. Die ungerechte und gewalttätige Migrations- und Grenzpolitik wäre auch dann noch ungerecht und gewalttätig, wenn die Zahl der Todesfälle an den Grenzen abnehmen oder auf Null sinken würde. (S. 15)

Die Herausforderung für diejenigen, schließt Cuttitta, die im Zusammenhang dieser Ungerechtigkeit über den Tod und mit dem Tod an der Grenze arbeiten – Forscher*innen, Praktiker*innen und politische Entscheidungsträger*innen gleichermaßen – besteht darin, einem Prozess entgegenzuwirken, der „den Akt der Migration von einem Ort zum anderen von etwas Natürlichem zu etwas Außergewöhnlichem“ macht und „individuelle und kollektive Tragödien […] von der Ausnahme zur Norm“. (S. 15)

Die Beiträge

Das Buch verdankt sich einer Konferenz, die im Juni 2018 an der Universität Amsterdam stattfand. Mehrere der mehr als 100 Teilnehmer*innen sind (Ko-)Autor*innen der 8 Kapitel. Eine Reihe von Aktivist*innen hatte abgesagt, weil sie mit den Lagerverwaltern der IOM nicht an einem Tisch sitzen wollten. Trotzdem hatte die Konferenz Ergebnisse, die festzuhalten wichtig sind. Vorausgegangen war ein fünf Jahre dauerndes Forschungsprojekt der Juristischen Fakultät, an dem Paolo Cuttitta und Tamara Last beteiligt waren.6Beteiligt waren außerdem Theodore Baird, Orçun Ulusoy, Lisa Komp sowie 12 Feldforscher*innen In ihrer Einleitung formuliert Tamara Last die grundlegenden Fragen des Forschungsfelds, mit denen sich die folgenden acht Beiträge beschäftigen:
Wer ist in das Grenztodesregime involviert?
Wie viele sterben und wie werden diese Informationen gesammelt?
Wie werden Grenztodesfälle repräsentiert?
Auf welche Weise beschäftigen sich Menschen mit den Toten?
Wie sind die Familien betroffen?
Was sind die politischen Aspekte von Grenztodesfällen?
Warum geschehen sie?
Wie reagieren die Akteure und wie sollten sie reagieren?
(S. 24)

Das 1. Kapitel beschreibt die Akteur*innen, die mit den Grenztoten zu tun haben, sowohl was die Verursachung der Todesfälle betrifft als auch ihre Verarbeitung. Zu diesen Akteur*innen gehören nicht nur die Staatsorgane, die Sicherheitsindustrie, die internationalen Organisationen, die Migrant*innen und die Transporteure und Schleuser, sondern auch die Medien, die NGOs, die Forscher*innen, die Religionsvertreter*innen, Künstler*innen und nicht zuletzt die Angehörigen, ihre Anwält*innen und die Überlebenden. Die vielfältigen Interaktionen auf diesem Feld werden als ein „Border Death Regime“ beschrieben. Dieser hier generierte Begriff ist sicherlich hilfreich, um die verschiedenen Interaktionsfelder und bestehende Interdepenzenden im Blick zu behalten.

Im 2. Kapitel geht es um die Daten, um Fallgruben und Grenzen der Statistik, aber natürlich auch um die Verwendung der Daten durch Regierungsstellen oder Medien. Im Kapitel 3 wird dies genauer untersucht: Wer benutzt welche Daten und für welchen Zweck? Was wird wann, wie und warum präsentiert, für wen und mit welchen Effekten? Es geht hier um „Positionality“ – um die Stellung der Beteiligen im Border Death Regime. In Kapitel 4 geht es um die Identifikation der Toten, in Kapitel 5 um das Trauern. Tatsächlich gelten die meisten Toten im Mittelmeer als „vermisst“, ihre Körper werden nicht gefunden, es gibt keinen Ort des Gedenkens, wenn ein solcher Ort nicht durch Commemoraction aktivistisch geschaffen wird. Tamara Last entwickelt hinsichtlich dieser Gedenkarbeit einige konkrete Empfehlungen für Forschende und Aktivist*innen:

Die Initiativen nicht-staatlicher Akteure zur Identifizierung vermisster Migranten folgen eher einem familien-zentrierten Ansatz (Kapitel 4 und 5). Sie beharren auf der Notwendigkeit, die Betroffenen als Akteur*innen und Personen mit Rechten anzuerkennen und sie zu ermächtigen. Ihre heterogenen Anliegen und Interessen sollten in jede „Lösung“ für die Todesfälle an den Grenzen einfließen (Kapitel 3 und 5). Die Sorge um die Toten (ist) eine vielschichtige Aktivität – eine humanitäre Praxis, die sowohl die Toten als auch ihre Angehörigen einbezieht, aber auch eine politische Praxis, die sich um die Rechte der Toten kümmert – und sie zielt darauf ab, die Betroffenen als Zeugen zu engagieren (Kapitel 4). Ein Familien-zentrierter oder Betroffenen-zentrierter Ansatz zwingt alle Beteiligten dazu, innovativ und rücksichtsvoll zu sein in ihrer nicht-zufälligen Rolle im Grenztodesregime, und irreguläre Migration und Grenztodesfälle zu (re)humanisieren. (S. 31)

Das Verschwinden-Lassen

Das 6. Kapitel von Emilio Distretti setzt einen besonderen Akzent. Ausgehend von der Karawane durch Zentralamerika an die Südgrenze der USA 2018 wird das aus den lateinamerikanischen Militärdiktaturen bekannte Verschwinden-Lassen (Enforced Disappearances) mit den Toten an der Grenze in Beziehung gebracht:

Wie unterschiedliche Verwendungen und Kontexte zeigen, ist das Konzept des „Verschwinden-Lassens“ mit staatlicher Gewalt gleichzusetzen. Er geht um Menschen, die „verschwunden“ sind, nachdem sie vertrieben, verhaftet, willkürlich inhaftiert, gefoltert oder getötet wurden (oder anderen unrechtmäßigen Handlungen unterworfen), und zwar durch Staatsbeamte oder Dritte im Namen des Staates oder mit dessen Stillschweigen. Die staatlichen Behörden legen keine Rechenschaft ab, weigern sich, ein „Verschwinden“ anzuerkennen und verweigern absichtlich Informationen über das Schicksal der „Verschwundenen“ gegenüber den Familien und Gemeinden.
Kurz gesagt, „Verschwinden-Lassen“ sagt uns etwas über den Zustand der Opfer und die Menschenrechtsverletzungen, aber auch darüber, wie staatliche Gewalt ungestraft ausgeübt wird, und wie dies als als Strategie der Macht, Abschreckung und Kontrolle über Einzelpersonen und ganze Bevölkerungsgruppen ausgeübt wird – weit über die direkt Betroffenen, die Verschwundenen, hinaus.

Distretti besschreibt eine „Genealogie des Verschwinden-Lassens“ und stellt diese in den Kontext der Postkolonialität: Es führt ein direkter Weg von den desapericidos in Lateinamerika bis zu den Folterlagern in Libyen.

Im Zusammenhang mit der sogenannten „Migrationskrise“ verweist die Zunahme des Verschwinden-Lassens direkt auf die Unfähigkeit der ehemaligen kolonisierenden Gesellschaften, mit der jahrhundertelangen Kolonialgeschichte umzugehen: mit der globalen Mobilität und der Autonomie der Migration, die mit dem Zusammenbruch der Imperien begann, bis hin zur heutigen globalen wirtschaftlichen Ungleichheit und den anhaltenden Vertreibungen, die durch regionale Konflikte und den langen Arm des globalen Kriegs gegen den Terror verursacht werden. (S. 125)

Die Kategorie der Verschwundenen legt eine Beziehung frei zwischen Tod, staatlicher Gewalt und Straflosigkeit. Migrant*innen wurden als „necro-figures“ bezeichnet, die ungestraft verletzt oder getötet werden können. Disretti zieht die Verbindung zu Achille Mbembes Begriff von Necropolitics: Die Verschwundenen sind wie kolonisierte Subjekte der Macht jenseits des Rechts ausgesetzt.

Im 7. Kapitel geht es um eine Analyse der Faktoren, die zu Todesfällen an der Grenze führen. Die Autor*innen des 8. Kapitels denken über einen „pragmatischen Humanitarismus“ nach – über humanitäre Korridore oder offene Grenzen. Das sind schöne Gedanken in einer Welt, die eher lamentiert und mordet statt über Alternativen nachzudenken. Warum dann nicht gleich Ferries No Frontex? Allzu tief steckt den politischen Klassen Europas noch der Schock von 2015 in den Knochen und der Druck von rechts hat bedrohliche Formen angenommen. Veränderungen sind zur Zeit nur durch starken Druck von unten und durch die Selbstorganisation der Migrant*innen denkbar.

History Matters

Das Buch Border Deaths stellt überzeugend dar, dass und wie die Toten und die Daten, die sie betreffen, an der Grenze vom Norden her unablässig produziert werden – in den Mechanismen eines „Border Death Regimes“. Und auch die Forschung zu den Grenzen und den Toten wird allermeist von Forscher*innen aus dem globalen Norden betrieben und von Einrichtungen aus dem Norden finanziert. Die Toten werden zum Rohstoff einer Debatte, die entscheidende Leerstellen aufweist, solange Schuld und Reparationen nicht verhandelt werden. Vielleicht wird eine spätere Generation darüber richten. Die Beiträge im Buch sind ein guter Ausgangspunkt für daran anschließende Überlegungen.

Ein erster wichtiger Punkt betrifft die antikoloniale und antirassistische Perspektive, die im Buch vor allem von Emilio Distretti präsentiert wird. Die Diskussion unter dem Stichwort Necropolitics wurde durch Achille Mbembes jüngstes Buch7Achille Mbembe (2019): Necropolitics. Durham (Duke University Press) noch einmal bereichert. Besonders das 4. Kapitel, in dem es bei Mbembe u.a. um mobile Grenzen und den Ausschluss zunehmend größerer Bevölkerungssegmente im globalen Kapitalismus geht, ist eine gute Folie für die Analyse der globalen Ungleichheit. Die Auseinandersetzung mit den Todesfällen an den Grenzen des globalen Nordens, und insbesondere an den Grenzen zwischen Afrika und Europa, braucht eine solche Fundierung – die Prämisse des Existenzrechts aller Menschen und ihres Rechts auf Bewegungsfreiheit. Black Life Matters ist eine Universalie und Necropolitics ist ein Begriff, den wir präsent halten müssen – nicht nur mit Blick auf die Grenztoten, sondern auch in Bezug auf die Killing Fields, die Vertreibungen und die Bevölkerungspolitik in vielen Regionen Afrikas.8Allerdings verkommt die Auseinandersetzung mit Mbembes Positionen inzwischen mancherorts zu einer assimilierten Form von Neo-Scholastik, auch weil sich Mbembe selbst mehr und mehr auf die in der politischen Philosophie gängigen Topoi einlässt. Black Life Matters aber ist zuallererst ein praktisches Projekt. Zwischen dem Büchermarkt einerseits und der radikalen Opposition gegen das Todesregime andererseits klafft zur Zeit eine breite Lücke.

 

Bild von Chris Grodotzki, Sea Watch

 

Ein zweiter Punkt: Grenzregimes (und jetzt auch: Border Death Regimes) wirken in manchen Publikationen zeitlos. Aber wie entstehen Situationen, in denen Politik und Verwaltung Todesfälle geschehen lassen oder sich direkt schuldig machen? Vor dem Hintergrund der Necropolitics: Aufgrund welcher Arrangements und welcher Denkfiguren gibt es solche Enthumanisierungen? Wie kommt es zu den dramatischen Stimmungsumschwüngen in der medialen Öffentlichkeit Europas? Sicherlich spielen die großen Zahlen und der daraus folgende Alarmismus eine Rolle. So war es in Italien 1997, als zwei große Schiffsunglücke benutzt wurden, um der Bevölkerung die „Notwendigkeit“ einer restriktiven Migrationspolitik zu vermitteln.9Vgl. hierzu und zum Folgenden Helmut Dietrich (2004): Das Mittelmeer als neuer Raum der Abschreckung, in: https://ffm-online.org/wp-content/uploads/2018/11/Ausgelagert.pdf Oder denken wir an die die aufgrund der Arabischen Revolution verlorene EU-Mittelmeerperspektive nach 2011, als der Kontrollverlust aufgrund der Verknüpfungen von Revolten und Migrationsbewegungen die europäische Festungspolitik radikalisierte. Auch das Border Death Regime unterliegt historischem Wandel. Die Historiographie könnte hier wertvolle Beiträge leisten, zum Beispiel in Hinsicht auf die Täterforschung, auf die Radikalisierung der Flüchtlingsabwehr oder auf die Erforschung der Migration als sozialer Bewegung.

Der „EU-Aufmarsch an den Mittelmeergrenzen“ und die Genesis der Europäischen Lösung müssten beschrieben werden im historischen Zusammenhang der innereuropäischen Freizügigkeit mit der Abwehr der Migrationsbewegungen. Dazu kommen eine Radikalisierung, aber auch das gelegentliche Scheitern der Abwehrmaßnahmen unter dem Druck der sozialen Bewegungen. Eine solche Darstellung könnte 1992 beginnen, als Spanien unter dem Druck der EU die Visumpflicht für Marokkaner*innen einführte und die Migrant*innen in kleine Boote zwang. Im Sommer 1992 überquerten etwa 30.000 Menschen die Straße von Gibraltar, die in den folgenden Jahren zum größten Massengrab Nachkriegseuropas wurde. Die Darstellung könnte die europäische Wunschperspektive nachzeichnen, die ab 1995 den Barcelona-Prozess prägte: Stabilität und Freihandel, aber ohne Migration. Die EU zahlte Milliarden für Rücknahmeabkommen mit den Anrainerstaaten.

All dies erwies sich nach 2011 als Makulatur. Der Jasminrevolution folgte auf dem Fuß eine Welle der Überfahrten nach Lampedusa10Hassan Boubakri (2013): Revolution and International Migration in Tunisia: https://cadmus.eui.eu/handle/1814/29454 – Vorboten einer wieder zunehmenden Bedeutung der zentralen Mittelmeerroute. Und wiederum bewegten große Schiffsunglücke die Gemüter und bewirkten Veränderungen der europäischen Abwehrstrategien.11Thomas Schmid (2016): Die zentrale Mittelmeerroute: E-Paper: Heinrich-Böll-Stiftung: https://www.boell.de/sites/default/files/2016-08-schmid_zentrale_mittelmeerroute.pdf?dimension1=division_af 2015 brach das europäische Grenzregime ein, vor allem auf den Migrationswegen über die Ägäis und die Balkanroute. Europa schloss das Türkei-Abkommen, begann den Valletta-Prozess und verlegte sich seit 2017 verstärkt auf informelle Mechanismen: auf direkte Zahlungen an Warlords und Milizen, auf die Militarisierung des Sahel und auf die Behinderung der Seenotrettung. Leid und Tod wurden in die libyschen Lager und in die Todeszonen des Sahel und der Sahara zurückverlagert. Müssen wir nicht auch die Vertriebenen und Massakrierten in den Kriegszonen des Sahel zu den Grenztoten Europas zählen?12FFM (2021): Aufstandsbekämpfung im Sahel, in: https://www.imi-online.de/2021/03/12/ausdruck-das-imi-magazin-maerz-2021/

Die Festung wird zur Bricolage. Verantwortlichkeit wird suspendiert. Das Arrangement der Todeszonen steht im Kontext der Postkolonialität – aber nur in einer historischen Perspektive wird auch die Schwäche des globalen Migrationsregimes deutlich erkennbar.

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