Migration und die Seinsfrage

von Belachew Gebrewold, geb. 1968 in Äthiopien, Professor für internationale Politik am Management-Center Innsbruck (MCI). Gebrewold studierte Philosophie und Theologie in Addis Abeba und Politikwissenschaft und internationale Beziehungen in Innsbruck und Hamburg. Er ist Mitherausgeber der Bücher Understanding Migrant Decisions (2016) und Human Trafficking and Exploitation (2017).

Migrationsursachen sind ein viel beforschtes und diskutiertes Thema. Die Diskussion fokussiert aus meiner Sicht meistens auf ökonomische, ökologische und sicherheitspolitische Ursachen. Das scheint mir sehr wichtig, aber nicht ganz vollständig zu sein. Ich betrachte Migration auch aus historisch-psychologischer Perspektive: Emigration als eine Art Erlösung aus der historischen Entmenschlichung und Erniedrigung durch Sklaverei, Kolonialismus und auch Missionierung. Nicht trotz, sondern gerade wegen des heute zunehmend entstehenden neuen Selbstbewusstseins der Kolonisierten tritt eine neue Auffassung der eigenen Identität hervor. Viele Kolonisierte versuchen, ihre Identität nicht nur durch Abgrenzung, Abwendung und durch eigene Entwicklung zu festigen, sondern auch durch Angleichung an den Kolonisator und durch Nachahmung, um dadurch die entmenschlichende Kolonisierung und deren nachhaltige psychische Auswirkung zu widerlegen.

Es müssen aber auch einige wichtige Fragen beantwortet werden: Erlösung aus der alten physischen Kolonialisierung, ja, aber wie ist die kulturelle und mediatische Kolonialisierung der jungen Menschen Afrikas heute zu verstehen? Die Erlösung davon wäre eine Emanzipation vom europäisch-amerikanischen Lebensstil und Gesellschaftsmodell. Doch genau das Gegenteil treibt heute Millionen von jungen Männern aus Afrika in die Emigration in die Industrieländer: der Traum von europäischer Freiheit und vom Wohlstand. Ist es nur ein bitterer Nachhall der Kolonialisierung, wenn diese Männer ihre Identität in Europa suchen? Wie ist es zu erklären, dass Migration nach Europa zu einem Angleichungsprozess, einer Identitätssuche geworden ist? Warum hält denn gerade ein neues Selbstbewusstsein der africanitude, also des Afrikaner-Seins, nicht vom beschwerlichen Migranten-Dasein ab?

Meine Absicht hier ist, auf diese Fragen einzugehen und zu diskutieren, dass die Reduktion der Migrationsursachen auf Armut, Krieg oder Klimawandel zu einseitig ist. Migrationsursachen sind sowohl materiell als auch immateriell. Die materiellen Ursachen (Armut, Klimawandel, Kriege) der Migration kann man nicht von der Hand wiesen. Ich bin hier an einem nicht-materiellen Aspekt als Migrationsursache interessiert: Sklaverei und Kolonisierung, die ich hier als historische-psychologische Entmenschlichung der Kolonisierten bezeichnen möchte.

Ein zentraler Punkt in meiner Argumentation ist folgender: während der Kolonialzeit war die Erniedrigung und Entmenschlichung zum Teil erfolgreich und die Erhabenheit des Kolonisators sogar von vielen Kolonialisierten als Wirklichkeit akzeptiert. Diese Phase würde ich als erste Phase bezeichnen. Dies ist ein wesentlicher Aspekt in den Schriften von Frantz Fanon, Albert Memmi etc. Die Kolonisatoren haben ihre eigene „Erhabenheit“ und die „Minderwertigkeit“ der Kolonisierten als natürliche Gegebenheit dargestellt. Diese erste Phase würde ich als eine Phase der absoluten Negation des Kolonisierten bezeichnen. Wenn wir uns die Schriften der “Entdecker“, der Kolonisatoren und selbst die mancher Missionare anschauen, war es so, dass die menschenrechtliche Gleichheit von Kolonisatoren und Kolonisierten negiert wurde. Manche Missionare waren sogar in einem Dilemma, ob es wirklich sinnvoll wäre, Afrikaner*innen zu missionieren und zu taufen, weil sie sich nicht ganz sicher waren, ob die letzteren überhaupt eine Seele hätten.

In der zweiten Phase (nach dem Ende der Kolonisierung) wurde anerkannt, dass die Kolonisierten doch nicht so sind wie es die Kolonisatoren behauptet hatten. Durch das Ende der Sklaverei und der Kolonialisierung und durch die Unabhängigkeit trat eine neue Phase ein: die Anerkennung der Gleichheit aller Menschen (zum Beispiel die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte), dass die Kolonisierten nicht minderwertig sind und die Kolonisatoren auch nicht erhaben. Die Kolonisierten haben ihre Unabhängigkeit erkämpft; sie wurde ihnen NICHT geschenkt, auch wenn viele Kolonisatoren den Ausdruck bevorzugen, dass die Kolonisierten „in die Unabhängigkeit entlassen“ worden seien; als hätten die Kolonisierten die Unabhängigkeit gar nicht gewollt!

Die Kolonisierten wissen durch mehr Bildung und mehr Information über die ehemaligen Kolonisatoren, dass sie sehr wohl das können, was die Kolonisatoren können und ökonomisch, wirtschaftlich, politisch, technologisch etc. erreicht haben: eine Phase der gleichzeitigen Faszination (weil der Kolonisierte vieles vom Kolonisator übernimmt) und der Ablehnung (weil es mit dem Kolonisator assoziiert wird). Dies ist eine Phase der Zerrissenheit und der Identitätssuche; eine Phase der realen Möglichkeit des mit dem Kolonisator Gleich-Seins. Diese ist die Phase des Abreißens der immateriellen und auch materiellen Mauern, die der Kolonisator gebaut hat. Dies ist die Phase der Emigration. Die immaterielle Mauer ist die Essentialisierung der kulturellen und moralischen Unterschiede zwischen den Kolonisierten und den Kolonisatoren. Materielle Mauern sind die auf Ceuta und Melilla, die Saharawüste und das Mittelmeer. 2005 hat ein Migrant vor der Mauer von Ceuta und Melilla gesagt, „sie können die Mauern so hoch bauen wie sie wollen, sie können uns aber daran nicht hindern, sie zu überwinden“. Die Gefahr des Mittelmeers, das Ertrinken, die Brutalität der Umstände in den Lagern in Libyen, die Misshandlungen durch Grenzbeamte in Südeuropa etc. können die Entschlossenen auf Dauer nicht daran hindern, die Mauern zu überwinden, weil es hier um einen Erlösungsprozess, um die Überwindung der Negiertheit, um die Menschwerdung durch Angleichung geht. Es ist also eine Seinsfrage: migro ergo sum.

Diese Emigration ist das Verlassen des den Kolonisierten durch die Kolonisatoren zugewiesenen kulturell-zivilisatorischen (immateriellen) und geographischen (materiellen) Platzes. Migration ist Protest gegen die essentialistische Platzzuweisung. Das war auch der Protest von Rosa Louise Parks in Alabama 1955, als sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen. Für Rosa Louise Parks ging es nicht um einen Sitz im Bus, sondern um den Protest gegen das Platzzuweisen.

Die Identität kann wiedergewonnen werden, indem man durch Emigration mit den Kolonisatoren zusammen sein kann, indem man die gleiche Bildung, Kultur, Moderne, Technologie, Entwicklung, „Zivilisiertheit“ nicht irgendwo anders, sondern mit den ehemaligen Kolonisatoren gleichzeitig – örtlich und zeitlich – teilt und indem man die gesetzten materiellen und immateriellen Grenzen negiert. Die Erlösung wird nicht durch Missionierung oder Taufe, sondern durch die Befreiung aus der Negiertheit erreicht werden. Dieses Bewusstsein ist genau das Ergebnis der negritude oder africanitude, also die Negation der Negiertheit. Das ist, was ich mit Erlösungsprozess meine. Emigration wäre in diesem Sinne nicht nur eine örtliche Bewegung, sondern auch eine neue Seinsweise, ein Protest gegen die Platzzuweisung, die durch Sklaverei und Kolonisierung initiiert und essentialisiert wurde.

Ich betrachte Emigration auch als ein sozialanthropologisches Phänomen: die traditionellen Initiationsriten, wodurch junge Männer zu erwachsenen Männern gemacht wurden, gibt es immer weniger. Durch mehr Bildung und Christianisierung sind die traditionellen Initiationen obsolet geworden, was auch zur männlichen Identitätskrise führt. Das Wagnis aufzubrechen, das Bezwingen von Gefahren, Hindernissen, der Mauern auf Ceuta und Melilla, des Mittelmeers, der Saharawüste etc. ist zum Teil auch ein Mittel zur Mann-Werdung. Es ist auch kein Zufall, dass der überwiegende Teil der Migrant*innen junge Männer sind.

Das beschwerliche Migranten-Dasein in Europa ist natürlich vor dem Reiseantritt nicht bekannt. Selbst wenn, dann ist dies für die Erlösung ein würdiges Opfer, das man als Migrant zu erbringen hat und bereit ist zu erbringen. Diese Qual auf dem Weg entspricht dem idealisierten Bild des mystifizierten Kolonisators, der etwas Böses ist als Kolonisator aber gleichzeitig etwas Faszinierendes wegen seiner Macht, seines Wohlstandes, seiner politischen Ordnung und wegen seiner inzwischen von allen akzeptierten Schönheitsideale etc., was man in der Mode, Kosmetik, Medien etc. sieht. All dies fasziniert die Migrant*innen. Faszinosum enthält ursprünglich (etymologisch) auch dieses Doppelwesen: das Begehrenswerte und das Böse, das Erhabene und das Hässliche: hässlich, weil es dem Kolonisator zugeschrieben ist; erhaben, weil es als die Errungenschaft des zivilisierten Kolonisators gesehen wird.

Die dritte Phase: wenn der Kolonisierte vor den Augen des Kolonisators das Technologische, Ökonomische, Kulturelle etc. erreicht hat, wird die Faszination abflauen und die „Rückkehr“ wird eintreten. Das heißt, wenn der Kolonisierte mit dem Kolonisator das gleiche erlebt und gelebt hat, beginnt er, alles zu relativieren und einzusehen, dass er ganz sicher nicht minderwertig ist und der Kolonisator auch nicht erhaben.

Für die Menschen, die in diesem Erlösungsprozess durch Emigration sind, gibt es das Problem der Neokolonisierung durch moderne Medien oder Konsumgüter nicht. Nur externe Beobachter oder Menschen, die den Erlösungsprozess vollendet haben, würden dies als Neokolonialismus bezeichnen. Für die Kolonisierten selbst sind Internet, westliche Musik, Facebook, Konsumgüter, Fernseher etc. nicht nur Mittel zur Lösung der täglichen ökonomischen, politischen oder technologischen Probleme, sondern auch wichtige Bestandteile des Initiationsritus und der Liturgie des Erlösungs- und Angleichungsprozesses. Weil ihre Identität durch den Kolonisator negiert und ihr Menschsein in Frage gestellt wurde, wurden sie historisch-psychologisch entmachtet. Emigration ist ein Prozess der Ermächtigung, eine Bitte um Anerkennung, eine Erzwingung der Identität, um das eigene Sein durch Angleichung zu erlangen.

Dieser Versuch zur Angleichung ist aber gleichzeitig eine existenzielle Infragestellung der Erhabenheit des Kolonisators. Genau das will der Kolonisator nicht, weil seine eigene Identität permanent auch die Erniedrigtheit des Kolonisierten braucht. Der Kolonisator ist an Gleichheit nicht interessiert, weil er sonst aufhören würde zu existieren. Das ist was die Schriften von Frantz Fanon und Albert Memmi unterstreichen. Dostojewskis Doppelgänger zeigt auch, wie die eigene Identität durch das niederträchtige Andere definiert wird.

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Beitragsbild: (cc) Leonie Jegen, Dakar 2018

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