Verschiedene Wirklichkeiten: Menschen auf der Flucht, NGOs und der UNHCR

Von Katharina Lobermeyer, Studentin der Internationalen Beziehungen (M. A.) an der HU und FU Berlin und der Universität Potsdam.

Juli 2021

In diesem, im Anschluss an eine Diskussion mit einem UNHCR-Vertreter in einem Kurs der Freien Universität Berlin erstellten, Artikel, reflektiert die Autorin die unterschiedlichen (Lebens)wirklichkeiten von Menschen auf der Flucht, NGOs und dem UNHCR. Welche Herausforderungen ergeben sich aus ihren divergierenden Standpunkten, Arbeitsumfeldern und persönlichen Situationen und was sind Fehleinschätzungen, die sowohl NGOs als auch der UNHCR über den jeweils anderen Akteur und die Menschen, denen sie zu helfen versuchen, haben?

Aus einer akademischen Perspektive besteht immer noch eine Notwendigkeit für mehr kritische Untersuchungen bezüglich Hilfsorganisationen und Menschen auf der Flucht als Empfänger*innen „westlicher“ Unterstützung. Ein weiterer bedeutender Akteur in Flucht- und Migrationsdiskursen, der noch genauer betrachtet werden muss, ist der UNHCR. Im Juli 2021 besuchte ein deutscher UNHCR-Vertreter unseren Kurs über Hilfsorganisationen an der FU Berlin und wir diskutierten über die Arbeit des UNHCR.

Kooperation von UNHCR und NGOs

Die Beziehung zwischen dem UNHCR und seinen Mitarbeiter*innen und NGOs scheint geprägt von divergierenden Wahrnehmungen. In diversen akademischen Texten, wie zum Beispiel von Autor*innen wie Cuttitta, Inhetveen und Zetter, beschreiben NGO-Mitarbeiter*innen die Beziehung als eher hierarchisch und manchmal schwierig, wenn sie danach gefragt werden, und geben außerdem an, dass gelegentlich Wettbewerbssituationen zwischen den verschiedenen Organisationen entstünden. Manche behaupten zudem, dass UNHCR-Mitarbeiter*innen NGOs und ihre Arbeit nicht genügend respektierten und immer ein hohes Maß an Professionalität von ihnen erwarteten, während sie selbst teilweise weniger professionelles Verhalten zeigten – zum Beispiel in Bezug auf Pünktlichkeit bei Meetings – und dass sie nicht streng genug wären, wenn es darum geht inakzeptables Verhalten unter den Mitarbeiter*innen des UNHCR zu identifizieren, wie beispielsweise Machtmissbräuche, die Menschen auf der Flucht schädigen (Inhetveen 2010: 129).

In unserer Online-Diskussion im Kurs über Hilfsorganisationen an der FU Berlin zeichnete ein UNHCR-Vertreter, der von der Dozentin zu einer Kurssession eingeladen worden war, allerdings ein anderes Bild bezüglich der Beziehung zwischen NGOs und dem UNHCR: dass die Institution extrem dankbar für und sogar abhängig von der Arbeit von NGOs sei, wenn es darum ginge Hilfsmittel anzubieten – besonders wenn sich eine problematische Situation an einem Ort neu entwickelt und die notwendigen Hilfsstrukturen noch nicht aufgebaut sind. Der Vertreter beschrieb ein Gefühl von großer Erleichterung, wenn eine NGO bereit und fähig ist, einige der wichtigsten Erste-Hilfe-Aufgaben zu übernehmen, wie eine oder zwei Kliniken aufzubauen. Die Situation würde nur problematisch werden, wenn hoch unprofessionelle oder politische NGOs, die fragwürdigen Ideologien folgen, ihre Hilfe anböten. Denn dann müsste, laut des Vertreters, der UNHCR entscheiden, ob diese Art Hilfsorganisation mehr Schaden anrichten, als dass sie Gutes bewirken würde, wenn man mit ihr zusammenarbeitete.

Interessanterweise scheint ein transparentes Screening-System, um zu bestimmen, welche NGOs angemessen für die Zusammenarbeit mit dem UNHCR sind – und welche nicht, bis jetzt nicht zu existieren. Die Prämisse, laut des Vertreters, lautet: Je professioneller die NGO, desto passender ist sie, mit dem UNHCR zusammenzuarbeiten. Die Country Coordinators des UNHCR seien die Befugten zu entscheiden welche NGOs vor Ort mit dem UNHCR zusammenarbeiten dürften und welche nicht. Die individuellen Bedürfnisse von Menschen auf der Flucht scheinen weniger ein Kriterium in diesem Selektionsprozess zu sein. Im Gegensatz zu den Erfahrungen einiger NGOs gab der Referent an: „Es gibt keinen Wettbewerb zwischen den Hilfsorganisationen. Warum auch, es ist schließlich nicht so, dass es so wenige Geflüchtete gäbe. Wir arbeiten jeden Tag mit NGOs und sind oft abhängig von ihnen. Aber die Zusammenarbeit ist nur möglich, wenn diese Organisationen hochprofessionell arbeiten und keine politische Agenda verfolgen.” Auch wenn der Vertreter vermutlich hauptsächlich den Ernst der globalen Situation bezüglich der steigenden Zahl an Menschen auf der Flucht betonen wollte, wird in dieser Aussage die Überlegenheit des UNHCR bei der Entscheidung, wem es erlaubt ist Unterstützung anzubieten – und wem nicht – deutlich.

Wohin wollen Menschen auf der Flucht wirklich?

Laut des UNHCR-Vertreters ist das Hauptziel der Arbeit der Organisation „Freiwillige Rückführung”. Er beschrieb, dass „Flüchtlinge” oft in ihre Nachbarländer wandern, denn ihr Ziel sei es, eines Tages wieder nach Hause zurückzukehren. Nach seiner persönlichen Erfahrung gibt es sogar Menschen in „Flüchtlingslagern”, die zuvor noch nie in ihrem „Heimatland” waren, aber lieber dorthin gingen als in einem anderen Staat eingebürgert zu werden. „Resettlement”, was genau letzteren Fall beschreibt, ist nur in besonders „gefährdeten Fällen” vorgesehen – zum Beispiel, wenn verletzte Personen nur in einem bestimmten anderen Land angemessen behandelt werden können, weil dort etwa das medizinische Equipment und die Kapazitäten besser sind als in ihrem „Herkunftsland“ oder einem Nachbarland.

Trotzdem riskieren zahlreiche Menschen täglich ihr Leben, um ihr altes Zuhause oder sogar den Kontinent verlassen zu können. Diverse Berichte und Statements von Organisationen und Aktivist*innen geben Aufschluss über die Gefahren – wie lebensgefährliche Überfahrten durch das Mittelmeer im Fall von afrikanisch-europäischer Migration, oder sogar durch Ozeane, wie im Falle der sogenannten „boat people”, die solche Reisen bergen. Eines der diesbezüglich bekanntesten Zitate des Jahres 2015 war: „Nobody puts their child on a boat unless the water is safer than the land” von Warsan Shire, einer somalisch-britischen Poetin (CBC Radio 2015). Dies zeigt, dass es für viele Menschen keine Option ist, in ihre „Heimat” zurückzukehren oder in unsicheren Gebieten zu bleiben.

Einmal mehr lässt sich daher feststellen, wie unterschiedlich die Auffassungen und Standpunkte von Menschen auf der Flucht sowie NGO- und UNHCR-Mitarbeiter*innen sein können, wie die Medien eine diskursprägende Rolle einnehmen und wie jede*r Einzelne eine ganz eigene Perspektive, geprägt von ihren oder seinen persönlichen Erfahrungen und oder dem Arbeitsplatz innehat, die von der anderer Menschen stark abweichen kann. Aus diesem Grund kann Verallgemeinerung in Diskussionen um Flucht und Migration als ein großer Irrtum gesehen werden. Selbstverständlich darf auch nicht außer Acht gelassen werden, welchen (verborgenen) internen Agenden der UNHCR und NGOs folgen und in welchen Dilemmata, die oft auf ihre finanzielle Abhängigkeit, von Geberstaaten zum einen und von privaten Unterstützer*innen zum anderen, zurückzuführen sind, sie sich deshalb befinden. Leistungsdruck und ein gewisser Grad an notwendigem Pragmatismus in neuen oder besonders stressigen Umgebungen sollten jedoch nicht als Entschuldigung dafür verwendet werden, Menschen auf der Flucht zu objektifizieren, sodass die einzelnen Menschen mit ihren physischen und psychischen Bedürfnissen sowie ihre individuellen Rechte mehr und mehr in den Hintergrund geraten.

Der UNHCR und Externalisierung

In der genannten Diskussion gab der UNHCR-Vertreter an, dass die Institution das Konzept der Externalisierung nicht zu hundert Prozent ablehne – eine für einige der Zuhörer*innen durchaus überraschende Aussage. Der Referent betonte dennoch, das sogenannte „push-backs” inakzeptabel seien, während er mit der gleichen Bestimmtheit angab, dass ein “Recht auf Anhörung nicht gleich ein Recht auf Annahme [als offizielle*n ‘Geflüchtete*n’] bedeutet und dass im Falle eines nicht anerkannten Flüchtlingsstatus die Organisation für Migration (IOM) für die Unterstützung der betroffenen Personen bei ihrer „Rückführung“ zuständig sei.

Dies wirft die offensichtliche Frage auf, ob die Kriterien, um offiziell als „Flüchtling“ zu gelten zu streng und nicht mehr zeitgemäß sind. „Es wäre zu kompliziert die Genfer Konvention neu zu verhandeln, weil es schwierig wäre alle Staaten noch einmal dazu zu bewegen sie zu unterzeichnen, nachdem sie geändert wurde”, war die Antwort des Vertreters auf die Frage, ob „Klimaflüchtlinge” künftig offiziellen „Flüchtlingsstatus“ erlangen könnten, da Naturkatastrophen aktuell vermehrt auftreten und sie sich, besonders im Globalen Süden, in Zukunft noch verschlimmern werden. Als erste Lösung wurde Binnenmigration vom Referenten erwähnt: „Die betroffenen Menschen nutzen zuerst die Möglichkeit innerhalb ihres Staates zu migrieren, da die zerstörerischen Naturphänomene oft nicht das ganze Land betreffen“. Trotzdem würde der UNHCR an der Thematik arbeiten und, wenn nötig, auch bereit sein in diesen Fällen Unterstützung anbieten.

Das Mandat des UNHCR und Selbstkritik

Der große Vorteil der Arbeit des UNHCR ist es, laut dem Vertreter, dass seine Mitarbeiter*innen binnen 72 Stunden an jedem Punkt des Planeten sein und vor Ort erste Hilfe leisten können. Aber was dem manchmal im Weg steht, seien lokale Behörden, die den UN-Pass nicht respektieren, sowie andere lokale – bewaffnete und unbewaffnete – Gruppen, die die Organisation davon abhalten ihre Arbeit gemäß ihres Auftrags zu erledigen.

Die Förderungsthematik wurde während der Diskussion nicht als besondere Herausforderung dargestellt, obwohl akademische Stimmen und solche aus der Presselandschaft ein anderes Bild vermitteln: Betts und Collier betonen zum Beispiel, dass das Förderungsmodell des UNHCR eine “dysfunctional panic legacy” sei und der UNHCR durch seine konkurrierenden Verpflichtungen in Bezug auf Geberstaaten (vor allem „westliche“ Regierungen), Gaststaaten sowie Menschen auf der Flucht, besonders gefordert sei (2018). Trotzdem wurden in unserer Diskussion nur die Gaststaaten und ihre verschiedenen vor Ort herrschenden Machthaber*innen – wie Regierungsvertreter*innen oder terroristische Gruppen – als wirkliche Herausforderungen erwähnt. Der UNHCR-Vertreter betonte, dass es nicht besonders schwierig sei, eine gute Beziehung zu den Geberstaaten zu pflegen.

Als die Problematik der Verletzungen der Codes of Conduct, beziehungsweise Menschenrechtsverletzungen durch UNHCR-Mitarbeiter*innen, zur Sprache kam, gab der UNHCR-Vertreter die Antwort, dass pro Jahr etwa 50 bis 60 Fälle dieser Art auftreten würden – eine Zahl, die jedoch nicht als zu aussagekräftig angesehen werden dürfe, da mehrere tausend Menschen beim UNHCR arbeiteten und in diese Statistiken oft ‘harmlose’ Fälle, wie dass zum Beispiel ein Mitarbeiter ein UNHCR-Fahrzeug für private Zwecke genutzt hatte, mit einbezogen würden. Zu ernsten Fällen, wie Vergewaltigungen, wurde keine konkrete Aussage gemacht, nicht einmal nach expliziten Nachfragen über letztere Problematik durch die Kursteilnehmer*innen. Beunruhigend war außerdem, dass der Referent die genannten Vorwürfe gegen die Institution nicht überzeugend bestreiten konnte. Die beschriebenen Aussagen legen nahe, dass der Referent, obwohl er offen über seine persönlichen Erfahrungen während seiner Arbeit – herausfordernde wie erfüllende – berichtete, durchaus bedacht war, die Organisation oder ihre Hauptfinanzierer nicht in einem negativen oder zu kritischen Licht darzustellen.

Wo bleiben die Menschen?

In Flucht- und Migrationsdiskursen scheinen alle gänzlich unterschiedliche Standpunkte bezüglich ‘richtig’ und ‘falsch’ zu vertreten – und stark divergierende Ansichten gibt es oft sogar unter denen, die scheinbar die gleichen Intentionen und Ziele verfolgen, wie der UNHCR und Hilfsorganisationen. Fehleinschätzungen existieren wahrscheinlich auf allen Seiten der beteiligten Akteure, wovon zwei in diesem Artikel näher beschrieben wurden. Deshalb ist es, speziell für den UNHCR und NGOs, wichtig, gelegentlich innezuhalten und zu reflektieren – über den Pragmatismus und Leistungsdruck hinaus – sodass die Thematik von Flucht, Migration und Unterstützung wieder mehr das Aufeinandertreffen von ebenbürtigen menschlichen Wesen in den Fokus rückt, wo Ehrlichkeit und Transparenz vorherrschen, und weniger eine objektive Aufgabe, die erfüllt werden muss, um Spender*innen und eigennützige Agenden zu bedienen.

 

Quellen

Betts, Alexander; Collier, Paul (2018): „Refuge. Transforming a broken refugee system“. Kapitel: “UNHCR and the twenty-first century” (56-61). UK: Penguin Random House.

CBC Radio (2015): „No one puts their children in a boat unless … “. https://www.cbc.ca/radio/sunday/let-them-in-where-s-the-poetry-in-politics-what-is-the-middle-class-trump-and-the-know-nothings-1.3223214/no-one-puts-their-children-in-a-boat-unless-1.3224831 [23. Juli 2021].

Inhetveen, Katharina (2010): „Die Politische Ordnung des Flüchtlingslagers. Akteure, Macht, Organisation. Eine Ethnographie im südlichen Afrika“. Kapitel 8: „NGOs und UNHCR im Flüchtlingslager: Zusammenarbeit, Konkurrenz, Abhängigkeit“. transcript Verlag Bielefeld.

 

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