Weitere EU-Dokumente zur „Operationalisierung des Pakts“

In einem vorausgehenden Beitrag haben wir EU-Dokumente zur „Operationalisierung des Pakts“ zu Libyen, Marokko, Niger und Tunesien vorgestellt. Darüber hinaus können wir nun die folgenden Dokumente vorstellen:

Operationalization of the Pact:

Afghanistan
Bosnia and Herzegovina
Nigeria

sowie diese EU-Papiere:

Update on the state of play of external cooperation in the field of migration policy und
Neuer EU Aktionsplan gegen die Schleusung von Migranten (2021-2015)

Afghanistan

Der Draft Action Plan Afghanistan wurde am 08. Oktober ausgegeben, nur wenige Wochen nach der Machtübernahme der Taliban. Die bisherigen Aktivitäten der EU, die sich vornehmlich auf Abschiebungen nach Afghanistan konzentriert hatten, waren überholt. Die EU plant nun eine Zusammenarbeit mit Pakistan, Iran und angrenzenden Ländern in Zentralasien, um die Geflüchteten nach Möglichkeit in der Region selbst aufzufangen. Dabei wird den Verhandlungen mit dem Iran und der Türkei ein hoher Stellenwert zukommen.

In dem Papier heißt es:

The EU is committed to strengthening co-operation with and support to countries along the migration route from Afghanistan towards the EU with a view to preventing irregular movements, by strengthening programmes on capacity building notably on integrated border management, on supporting protection systems, and on preventing smuggling of migrants and trafficking in human beings.
he EU will step up its policy dialogue on migration and support with/for Pakistan, Iran and Central Asian countries. The EU will further engage with Pakistan under the Strategic Engagement Plan and a possible future Comprehensive Migration Dialogue. With Iran, depending on the evolution of the wider political environment, the EU will work towards a first meeting of the dialogue on migration under the Framework for a Comprehensive Dialogue on Migration and Refugee Issues. The EU will step up its engagement with all Central Asian countries on migration cooperation within the framework of the (Enhanced) Partnerships and Cooperation agreements concluded or under negotiation. The High-level Political and Security Dialogue between the EU and Central Asia regularly touches on challenges, including trafficking of human beings. The Border Management in Central Asia programme (BOMCA) provides technical support.

Die Mittel aus dem MFF 2014-20, 1 Mrd. € für Afghanistan, werden zurückgehalten. Zugleich wird eine Team Europe Initiative, wie sie für die Hauptmigrationsrouten in Afrika neuerdings auf einen von Italien und Frankreich eingebrachten Vorschlag hin vorgesehen ist, nun auch für diese Region entwickelt. In dem Papier heißt es:

Operationalise plans for Team Europe Initiative in the region targeting Afghanistan, Pakistan, and Iran with the possibility to expand activities to interested Central Asian countries. A consolidated version of the Commission’s proposal will be shared following comments from Member States.
• Deploy a Frontex Liaison Officer to Pakistan with a mandate for Afghanistan, (tbc). The Commission has provided a positive opinion for a Frontex Liaison Officer to work alongside the European Migration Liaison Officer (EMLO) already posted in Pakistan with a regional mandate. Discussions in Pakistan are ongoing.

Das Papier benennt die Zahlen geflüchteter Menschen aus Afghanistan in der Region: etwa 6 Millionen und dazu 5 Millionen Vertriebene innerhalb Afghanistans. In der EU gab es zum Vergleich 44 285 Asylanträge im Jahr 2020.

Bosnien Herzegovina

Der Draft Action Plan sieht vor allem eine Erweiterung des Auffanglagers in Lipa bei Bihac vor, mahnt eine bessere Zusammenarbeit mit Frontex an und einen Ausbau des dortigen Asylsystems in Kooperation mit EASO.
Einem einzigen Menschen wurde 2020 in Bosnien Herzegovina ein Asylstatus zuerkannt– von einem „sicheren Drittstaat“ wird noch lange nicht gesprochen werden können.

Kernsätze aus dem Papier:

EU urges Bosnia and Herzegovina to complete the works for a new multipurpose reception facility in Lipa as a matter of priority … In the course of 2021, the EU supported Bosnia and Herzegovina in establishing a multipurpose reception and identification centre in Lipa, near Bihac, which, once fully operational can host up to 1 500 persons.
[…]
The EU urges Bosnia and Herzegovina to swiftly sign and ratify the European Border and Coast Guard (EBCG) Status Agreement, initialled in January 2019 as a matter of priority. The ensuing deployment of a Frontex joint operation at the border with Croatia would help address common migration and security challenges.
[…]
Future activities from EU budget under Multiannual Financial Framework 2021-2027: Under the IPA-III instrument, Bosnia and Herzegovina is called upon to adopt sectoral countrywide strategies whose implementation may receive EU financial support. The adoption of a new migration and asylum strategy is pending. Within the IPA 2021 financial envelope, a regional migration programme will support the operational costs of reception centres as well as capacity building. A complementary bilateral programme for Bosnia and Herzegovina can be expected to finance equipment and capacity building for migration management. Other EU instruments, notably the Asylum, Migration and Integration Fund (AMIF), the Border Management and Visa Instrument (BMVI), and the Internal Security Fund (ISF) may under strict conditions provide complementary funding opportunities for the external dimension of migration.

Nigeria

The EU is looking forward to enhanced cooperation on integrated border management with Nigeria, primarily through the reinvigoration of the current working arrangement with Frontex.

Die EU wünscht sich mehr Grenze und mehr Rücktransporte. Im EUTF standen für Nigeria 128.5 Millionen € zur Verfügung, davon 46 Millionen für Migration Management sowie Rückkehr und Reintegration. Aber die Verhältnisse, sie sind nicht so:

In the fight against migrant smuggling (as well as trafficking in human beings), structured and operational cooperation among European and African law enforcement and judicial authorities could be improved, building on the results of the current Common Operational Partnership along African migratory routes.
Collaboration between Nigeria and EU agencies such as Frontex, Europol and EASO should be pursued more systematically. For example, together with Cabo Verde, Nigeria is the only West-African country having a working arrangement with Frontex (since 2012). The implementation of this arrangement by the Nigerian authorities should be improved. An updated working arrangement with Frontex, reflecting changes to the agency’s mandate, could also be considered.

Update on the state of play of external cooperation in the field of migration policy

Dieses Dokument, das am 15. September verbreitet wurde, noch bevor der Rat den New Pact on Migration and Asylum verabschiedet hatte, gibt einen umfassenden Überblick über den Stand der europäischen Externalisierungspolitik.

Das Dokument listet die Kooperationen mit Staaten in Afrika (u.a. Senegal, Niger) , nicht-EU Staaten in Europa (u.a. Albanien, Serbien), Staaten der MENA-Region (u.a. Libyen, Irak) sowie Asien (u.a. Indien, Bangladesch). Es benennt die formelle Rahmenbedingungen der jeweiligen Kooperationen (wie den „Nothilfefonds für Afrika“) und enthält eine Zeitleiste von vergangenen und anstehenden Treffen und Verhandlungen mit den jeweiligen Drittstaaten.

Am Ende des Dokuments findet sich ein Überblick über Regionalprozesse, in deren Rahmen die EU ihre Externalisierungspolitik vorantreibt, darunter der „Rabat-Prozess“, der „Khartoum-Prozess“, der „Prag-Prozess“ etc.

Neuer EU Aktionsplan gegen die Schleusung von Migranten (2021-2025)

Für die Jahre 2015-2020 gab es einen ersten solchen Aktionsplan, der nun für weitere 5 Jahre fortgeschrieben wurde. Dieses Dokument wurde auch unter https://data.consilium.europa.eu/ veröffentlicht. Im Kern geht es um die Zusammenarbeit von Europol und Frontex und die Verbesserung der Kooperation der Mitgliedstaaten mit diesen Agenturen, ergänzt um die Vereinheitlichung im Rechtssystem (Eurojust) und die Zusammenarbeit im „Europäischen Zentrum zur Bekämpfung der Migrantenschleusung“.

Als Beispiel einer gelungenen Zusammenarbeit zwischen Mitgliedsstaaten und EU -Agenturen werden die Hotspots genannt:

Das Hotspot-Konzept hat sich im Kampf gegen die Schleuserkriminalität als wesentlich herausgestellt; nach diesem Konzept arbeiten EU-Agenturen – das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO), Frontex, Europol und Eurojust – eng mit den Behörden der Mitgliedstaaten zusammen, die Migrationsdruck an den Außengrenzen der EU ausgesetzt sind, um ihnen dabei zu helfen, ihre Verpflichtungen im Rahmen des EU-Rechts zu erfüllen und ankommende Migranten rasch zu identifizieren, zu registrieren und ihre Fingerabdrücke zu erfassen. Frontex leistete Unterstützung bei der Identifizierung und Registrierung von Migranten, die an den EU-Außengrenzen ankommen, und führte Befragungen durch, um für die Zwecke der Risikoanalyse und strafrechtlicher Ermittlungen Informationen über Schleusernetzwerke und die Routen zu sammeln. Die Beteiligung von Europol an Befragungen und ein systematischerer Zugang für die Sammlung von Informationen und nachrichtendienstlichen Erkenntnissen haben zur Ermittlung von Schleuserpraktiken, ‑netzwerke und ‑routen beigetragen.

Zur Zusammenarbeit von Frontex, Europol und Interpol spricht das Papier von „Böswilligen Internetinhalten“ und setzt auf die Zentralstelle für Informationen bei Europol sowie eine Africa-Frontex Intelligence Community, die inzwischen 30 Länder umfasst. Es geht um den „ Ausbau der analytischen, präventiven und operativen Kapazitäten bei der Bekämpfung der Schleuserkriminalität, insbesondere durch Risikoanalysezellen“.

Eine besondere Rolle entwickeln Europol und Frontex bei der Analyse und Bereinigung von Internet-Inhalten. Im September haben die Agenturen gemeinsam eine Broschüre mit dem Titel Digitalisation of migrant smuggling  verfasst,  die bei Statewatch veröffentlicht wurde. Im Aktionsplan heißt es dazu:

[Die Zentralstelle für Informationen bei Europol] verbessert das Lagebild zur Schleusung von Migranten aus Herkunfts- und Transitländern. Die EU-Meldestelle für Internetinhalte bei Europol hat die Kapazität der Behörden gestärkt, böswillige Inhalte im Internet und in sozialen Medien zu untersuchen, damit Inhalte, die von Schleusernetzwerken genutzt werden, aufgedeckt werden können und deren Entfernung verlangt werden kann. Durch die weitere Entwicklung der Africa-Frontex Intelligence Community mit Risikoanalysezellen in Gambia, Ghana, Niger, Nigeria und Senegal wurden die Sammlung und der Austausch von Informationen verbessert.

Und an anderer Stelle heißt es:
Frontex sollte ihre Überwachungskapazitäten in den sozialen Medien einsetzen, um die Risikoanalyse in Bezug auf künftige irreguläre Migrationsbewegungen unter Berücksichtigung datenschutzrechtlicher Aspekte zu verbessern. Frontex sollte in diesem Bereich auch mit Drittländern zusammenarbeiten, unter anderem durch den Austausch von Informationen und den Aufbau von Kapazitäten.

Eine wichtige Rolle spielt auch das bei Frontex angesiedelte Exzellenzzentrum für die Bekämpfung von Dokumentenbetrug. Dieses soll gestärkt werden, unter anderem durch die Entsendung von Experten für Dokumentenbetrug in die Mitgliedstaaten und in Drittländer im Rahmen der operativen Tätigkeiten von Frontex.

Im Bereich von Forschung und Innovation soll Frontex nicht nur als Schaltstelle für die Zusammenarbeit mit Firmen der Rüstungs- und Überwachunsindustrie dienen, sondern geradezu geheimdienstähnliche Qualitäten entwickeln. In dem Papier heißt es:

Zudem sollten EU-Agenturen ihre Rolle in Forschung und Innovation stärken, indem die Europol-Initiative „Innovationszentren“ und die Beteiligung von Frontex an der Konzeption und Organisation von Forschungs- und Innovationstätigkeiten – auch in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft – eine möglichst wichtige Rolle erhalten, damit Möglichkeiten für die Entwicklung neuer Kapazitäten zur Aufdeckung, Prävention und Bekämpfung von Schleuserkriminalität ermittelt werden können. Um das Wissen über die Schleusung von Migranten zu verbessern, sollten EU-Agenturen ihre Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft verstärken, insbesondere mit dem Bankensektor, dem Mietwagensektor (einschließlich Car-Sharing), Paketdiensten, Reisebüros, Fluggesellschaften, Geldtransferdiensten und Anbietern von Online-Diensten.

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