Sahara

Allgemeines

Die Sahara ist das große Wüstengebiet, das sich von der Atlantikküste bis ans Rote Meer erstreckt: rund 5.000 km von West nach Ost und bis zu 2.000 km in Nord-Süd-Richtung. Im Norden liegen die Maghrebstaaten Marokko (einschließlich des annektierten Territoriums Westsahara), Algerien, Tunesien und Libyen. In Ägypten wird die Sahara durch den Lauf des Nil unterbrochen. Nach Süden hin geht die Wüste in ein trockenes Savannengebiet über, den Sahel. Hier liegt eine Reihe von Staaten, zu denen im Norden ausgedehnte Wüstengebiete und im Süden zunehmend feuchte Savannengebiete gehören: Mauretanien, Mali, Niger, Tschad und Sudan.

Die Bevölkerung der Sahara – oft nomadische oder halbnomadische Gruppen wie die Tuareg oder die Tubu – fühlt sich eher der jeweils eigenen ethno-kulturellen Gruppe zugehörig als einem dieser Staaten, in denen sie jeweils nur einen einstelligen Prozentsatz der Bevölkerung ausmacht. Die Grenzen, die durch die Wüste verlaufen, sind kaum markiert und werden durch saisonale Migrationen und Geschäftsbeziehungen vielfach durchkreuzt. Mehr als die Hälfte der Menschen lebt in einer Oasen-Ökonomie, wobei Datteln das wichtigste lokale Produkt sind. Ohne Austausch und Handel ist ein Überleben in der Wüste nicht möglich. Zugleich spielen der Kauf und Verkauf von Sicherheiten und Loyalitäten und die Beteiligung an informellen Wirtschaftsaktivitäten, in den letzten Jahren zunehmend am Goldabbau, eine wichtige Rolle.

Der Verfall des Ölpreises und damit die Krise des „algerischen Modells“ einer exportfinanzierten Pazifizierung der Bevölkerungen auf der einen Seite und der seit 2011 fortschreitende Zusammenbruch der libyschen Staatsfunktionen auf der anderen Seite haben tiefgreifende Folgen in der Sahara-Region hinterlassen. Sowohl die saisonale Migration aus dem Sahel nach Algerien wie auch der Handel mit subventionierten Produkten aus Algerien und Libyen gerieten ins Stocken. Aus Libyen strömten Migrant*innen, Milizen und Waffen in die Sahara. Andererseits öffneten sich mit dem Zusammenbruch des libyschen Regimes neue Migrationswege nach Europa.

 

African Monitor

Migration

Die Karte zeigt die wichtigsten Migrationsrouten durch die Sahara.
Seit dem Krieg in Nordmali in den Jahren 2012/13 ist die Westroute durch Mali kaum mehr passierbar. Die östliche Route über Khartoum wurde durch sudanesische Milizen, die als “Rapid Support Forces” mit europäischen Geldern zu Grenzschutzeinheiten aufgewertet wurden, geschlossen.

Zum zentralen Drehkreuz der Migration wurde Agadez auf der Route durch Niger. Agadez entwickelte sich zu einer wahrlich multikulturellen Stadt. Im Jahr 2016 setzte die Regierung von Niger unter europäischem Druck neue Gesetze zur Illegalisierung der Migration in Kraft. Die Herbergen und das Transportwesen in Agadez liegen nun brach. Migration nach Libyen und lokale Migrationen nach Algerien finden weiterhin statt, aber nachts und unter Umgehung der gesicherten Routen und Wasserstellen. Die Todeszahlen auf dem Weg durch die Wüste sind nach 2016 stark angestiegen und sollen laut IOM inzwischen höher sein als auf dem Mittelmeer.

Staat und Aufrüstung

Die staatliche Präsenz in der Sahara ist schwach und von einer „Remoteness“ sowie Koexistenz von Clanstrukturen, lokalen Beziehungsnetzen, mächtigen Warlords und oft disparaten staatlichen Ansprüchen geprägt. Gelegentlich kommt es zu gewaltsamen Eingriffen und Übergriffen des Militärs, das seinerseits von Loyalitätspflichten gegenüber traditionalen Strukturen und von unmittelbaren Profitinteressen der Offiziere durchdrungen ist.

Zahlreiche Akteure sind in der Sahara-Region militärisch präsent. Die Gründe dafür sind mehrschichtig. Das riesig große Gebiet kann nicht wirklich militärisch kontrolliert werden. Im Vorteil sind in dieser Hinsicht die USA, die wesentlich auf Satelliten und Drohnen setzen und die über ein Netz von Stützpunkten verfügen – so seit zwei Jahren über einen Stützpunkt vor den Toren von Agadez –, die aus der Luft versorgt werden und lokalen Einwirkungen weitgehend entzogen sind. Die USA folgen mit ihrer Strategie des „Kriegs gegen den Terror“ eigenen, nicht immer erkennbaren Regeln, nach denen sie Überwachungs- und gelegentlich Killerdrohnen aussenden. Im Dezember 2019 wurden Pläne zur Reduktion des US-amerikanischen Militärengagements bekannt.

Das französisch-europäische Engagement hat neben der militärischen „Befriedung“ der Sahara stets zugleich die kulturelle Dominanz über das „frankophone“ Afrika, die Kontrolle über das Währungsgebiet des CFA-Francs und den Schutz der Uranminen im Blick. Frankreich hat derzeit in der Operation Barkhane 4.500 Soldaten stationiert, MINUSMA stellt in Mali etwa 10.000 Soldaten, hinzu kommen die G5-Sahel-Truppen.

Die französischen Militärs sind von der US-Satelliten- und Drohnenaufklärung stark abhängig, umso mehr, als es in der Zusammenarbeit mit lokalen Armeeeinheiten häufig zu Problemen kommt. Zunehmend kommt es, insbesondere in der Sahel-Region, zu Anfeindungen der Bevölkerungen gegen die französischen Truppen.

Unter dem Auge der Satelliten und der Drohnen betreibt die Bevölkerung ihre kleinen oder größeren Geschäfte. Sie ernten Datteln, winken Migrant*innen durch, bemächtigen sich verstreuter Goldminen, suchen ihre Chance im je nationalen Militär und fordern Krankenstationen und Zugang zu Brennstoffen und Getreide. Gerade dort, wo die europäische Intervention auf Kontrolle der Migration abzielt, gerät sie in Konflikt mit der traditionellen „Connectivity“ und der Mobilität der Bevölkerung. Europas Kampf gegen die Migrant*innen hat die kleine Renaissance der lokalen Ökonomie zerstört. Unter diesem Druck verhärten sich die Sozialstrukturen. Die Chefs werden sich zu behaupten wissen, die lokalen Ökonomien geraten unter die Kontrolle von Warlords. Dieses gewaltsame Unternehmertum – im Waffen-, im Drogen- und im Menschenhandel, wo der letzte kleine Rest von Wärme zerstört ist –, scheint den staatlichen Eingriffen und Drohnenschlägen trotzen zu können.

Literatur

Andrea Stäritz, Julia Stier, Sahara. EUrope’s new deadly external Border, Berlin, borderline europe, 2018

Forschungsgesellschaft Flucht und Migration, Agadez: „Es ist, als hätte man uns die Luft zugeschnürt“, ffm-online 18.03.2019, https://ffm-online.org/agadez-es-ist-als-haette-man-uns-die-luft-zugeschnuert/, last accessed 24.04.2020

Judith Scheele, Smugglers and Saints of the Sahara. Regional Connectivity in the Twentieth Century, New York: Cambridge University Press, 2012

Julien Brachet, Judith Scheele, The Value of Disorder. Autonomy, Prosperity, and Plunder in the Chadian Sahara, New York, Cambridge University Press, 2019

Ramona Lenz, Vom Drehkreuz zur Sackgasse, in: medico-Rundschreiben 4/2019, https://www.medico.de/vom-drehkreuz-zur-sackgasse-17576/