Sortiermaschinen

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Steffen Mau zeigt in diesem Buch, dass sich Grenzen in Zeitalter der Globalisierung nicht öffneten, sondern zu mächtigen Sortiermaschienen umbebaut wurden. Eine Minderheit der Privilegierten darf überall hin reisen, während die große Mehrheit der Weltbevölkerung systematisch ausgegrenzt wird.

Mau spricht von Mauern und Bollwerken (Kap.4), von "Filtergrenzen" (Kap.5) und davon, dass der Rückbau der Binnengrenzen in der EU mit der Aufrüstung der Außengrenzen (Kap.7) und mit einer Externalisierung der Kontrolle (Kap.8) einhergeht. 

Mau und andere haben in dem Projekt Die Grenzen der Welt eine weltweite Erhebung der Grenzinfrastrukturen vorgenommen.

Anders als den "Mauerzählern" ging es uns um eine differenzierte Erfassung der physisch-baulichen Gestalt von Landesgrenzen. Was für Grenzinfrastrukturen gibt es weltweit und wie verteilen sie sich? [... Die Grundgesamtheit der Landesgrenzen beträgt] 630. Für alle diese Grenzen haben wir Dossiers mit Informationen gesammelt, Onlinerecherchen durchgeführt, Fotos kompiliert und über Google Maps API Sattelitenbilder der Grenzübergänge abgefragt.(S. 55 ff)

Die Folgerung: Mauergrenzen sind oft Wohlstandsgrenzen. Es geht nicht um Sicherheit, sondern darum, "ökonomische Disparitäten zwischen angrenzenden Räumen" zu stabilisieren.(S.63) Einen besonderen Hinweis verdient das Kapitel über Smart Borders: Informationelle und biometrische Kontrolle (S. 99-117), mit Hinweisen auf die "pandemische Grenze" als Treiber der Informatisation und Smartness.

Was fehlt? Es ist ein Buch über Grenzen und nicht über Migrant*innen, ihre Aspirationen und ihre Kämpfe. Aber auch ohne Bezug auf das Konzept des Grenzregimes kann die Forschung interessante Ergebnisse liefern, wie in diesem Fall.

In einem Interview mit der WOZ spricht Steffen Mau über seine Forschung:

Die Mobilitätssteigerung und die Entgrenzung sind ja zentrale Bestandteile des Globalisierungsdiskurses. Dagegen argumentiert mein Buch, wobei ich nicht in Abrede stelle, dass Öffnung stattfindet. Es gibt aber eine Gleichzeitigkeit von Öffnung und Schliessung. Meine Hauptthese ist, dass Grenzen sich in Richtung halbdurchlässiger Filter verändern, die einerseits Durchflüsse von Personen, die ökonomisch willkommen sind, erlauben und andererseits solchen Personengruppen, die als Risiko gesehen werden, zunehmend als Barriere gegenübertreten. Das heisst, Grenzen werden viel selektiver als in der Vergangenheit und zu machtvollen Sortiermaschinen umgebaut.[...] Mobilisierung und Immobilisierung sind zwei Seiten derselben Medaille. Zugespitzt könnte man sagen, dass, weil wir mobiler werden, andere immobiler werden müssen. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass achtzig Prozent der Weltbevölkerung noch nie ein Flugzeug betreten haben, in westlichen Gesellschaften werden Sie nur wenige Leute finden, auf die dies – etwa aufgrund von Flugangst – zutrifft.

Vor und hinter den Grenzen entstehen Lager. Sind das die neuen Enklaven einer entgrenzten Welt?

Ganz sicher, diese Lager bilden eine eigene Art von Territorialität aus. Der Zu- und Weggang wird stark kontrolliert, die Menschen werden registriert und kaserniert. In den Lagern werden nicht genau zuzuordnende oder unwillkommene Menschen eingekapselt, die Lager werden oft vom Provisorium zur stabilen und dauerhaften Struktur. Es entstehen dabei rechtliche Sonder- und Kontrollzonen, die sich aus dem ungeklärten Status der sich dort aufhaltenden Personen ableiten. Auf Satellitenbildern sieht man, dass diese Lager oft entweder vor oder direkt hinter der Grenze liegen.

Wie hat sich das Kontrollregime an den Grenzen verändert?

Schon während der ersten Globalisierungsphase Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Einreisende auf ihren Gesundheitszustand überprüft, in den USA hat man damals deren Zähne und die körperliche Verfassung untersucht. Heute haben sich die digitalen und biometrischen Erfassungsmöglichkeiten enorm ausgeweitet. Irisscan, Gesichtsvermessung oder der Fingerabdruck werden quasi erkennungsdienstlich in den Einsatz gebracht, es entstehen grosse Datenspeicher, und der globale Informationsaustausch wurde forciert. Das führt dazu, dass Smart Borders entstehen, in denen Daten mit Biometrie zusammenkommen. Durch Algorithmen lassen sich dann individualisierte Risiko-Scores berechnen.

Die Risikoklassifizierung betrifft aber nicht nur die unerwünschten anderen, sondern prinzipiell alle, die Grenzen überschreiten wollen?

Wenn wir heute freiwillig immer mehr sensible Daten abgeben, kann daraus auf einen Trusted Traveller, eine vertrauenswürdige Person, geschlossen werden, und der Staat kann seine Kontrollaktivitäten auf diejenigen konzentrieren, die nicht willkommen sind. «Gute» Daten sind letztlich der Reputationsnachweis eines internationalisierten Mobilitätsscreenings, und aus der pauschalen Grenze, an der alle gleichbehandelt werden, wird eine individualisierte Grenze. Momentan befinden wir uns in einer Zwischenphase, aber in den USA gibt es Unternehmen, die sich in Flughäfen einkaufen und bei denen Reisende sich für einen bestimmten Betrag vorregistrieren lassen, ihre Daten abgeben und dann die Schleusen relativ flüssig passieren können. Das könnte die Zukunft des Reisens sein, angereichert noch durch bestimmte Gesundheitsinformationen.

Full titleSortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert
Authoreberhard
PublisherC.H.Beck
Year2021
Media typeBook
Linkhttps://www.chbeck.de/mau-sortiermaschinen/product/32405836
Topics Border and Surveillance Technology & Industry, European Externalization Policies & Cash Flows
Regions All Regions

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