Monthly Special: Ceuta 2026
August 17th, 2026
Monthly Review Special:
Ceuta 2026
In der spanischen Stadt Ceuta protestieren Hunderte von Migranten und fordern Asyl:
MADRID, 16. August (Reuters) – Hunderte von Migranten, die kürzlich in die spanische Enklave Ceuta in Nordafrika eingereist waren, veranstalteten am Sonntag an einem beliebten Stadtstrand eine Protestaktion und forderten die spanischen Behörden auf, ihnen Asyl zu gewähren, anstatt sie nach Marokko zurückzuschicken.
Sie gehörten zu den schätzungsweise 5.000 bis 8.000 Menschen, die nach dem massiven Grenzübertritt vor zwei Wochen, bei dem über 72.000 Menschen in das winzige Gebiet mit rund 80.000 Einwohnern strömten, weiterhin in Ceuta verblieben sind. Die überwiegende Mehrheit kehrte in den folgenden Tagen freiwillig zurück.
Da die Ressourcen der Stadt überlastet waren, lebten die meisten Migranten unter prekären Bedingungen am Strand „El Trampolin“ oder am Stadtrand, während sie auf eine Gelegenheit warteten, weiter nach Kontinentaleuropa zu reisen.
„Wir schlafen direkt am Meer, in der Kälte und inmitten übler Gerüche. Wir leiden sehr“, sagte Ayoub Elarroud aus dem marokkanischen Tetouan und fügte hinzu, dass die Polizei die Migranten daran hinderte, ins Stadtzentrum zu gelangen.
Die Demonstranten hielten spanische Flaggen und Transparente mit Aufschriften wie „Wir wollen nicht zurück nach Marokko“ und „Wir sind auch Menschen“ hoch und skandierten dabei Parolen wie „Wir sind müde“ oder „Wir brauchen eine Lösung“. An der felsigen Küste hinter ihnen wuschen einige Migranten ihre Kleidung, während andere mit provisorischen Bambusruten fischten.
[Mit Video der Proteste]
Einleitung
Ende Juli haben mehr als 70.000 Menschen die Grenze von Marokko zur spanischen Exklave Ceuta überwunden. In Ceuta stießen sie auf Zurückweisung und zugenagelte Geschäfte. Sie litten Durst und Hunger. Die allermeisten kehrten wenig später wieder nach Marokko zurück, aber mehr als 5000 Menschen befinden sich noch in Ceuta und fordern eine Lösung. Nach der jüngsten offiziellen Mitteilung Madrids wurden im Meer 83 Leichen geborgen. Nichtregierungsorganisationen schätzen die Zahl der Todesopfer auf weit über hundert.
Die folgende Sammlung von Artikeln und Kommentaren zu Ceuta 2026 fokusiert nicht auf die Niederungen der europäischen Politik und streift die Frage nach Schleppern und ausländischen Agenten nur am Rande. Interessant für uns sind vielmehr die Initiative und Agency der jungen Marokkaner:innen (und der wenigen nicht-marokkanischen Migrant:innen), die am 30./31. Juni ihre Chance gekommen sahen, die Grenzbefestigungen von Ceuta zu überwinden.
Während der Zugang nach Melilla mit Polizeigewalt gesichert wurde, ergab sich rund um Ceuta die ungewöhnliche Situation, dass das Spektakel des Thronfestes in Tétuan und die Strände rund um Ceuta eine Millionenzahl von Menschen angezogen hatten. Wie Medhi Alioua in einem Interview schildert, waren die Sicherheitskräfte durch das Thronfest gebunden, und zum anderen lösten sich die Schwimmer aus einer Masse von Badegästen an den Stränden, vor allem in Frideq: “An einem solchen Engpass ist ein schneller Einsatz von Sicherheitskräften inmitten einer Menschenmenge nicht möglich, ohne ein Blutbad zu riskieren. Man schickt keine Fallschirmjäger gegen Badegäste…”
Alioua unterscheidet zwei Gruppen, die nacheinander die Grenze überwanden, zuerst schwimmend und dann zu Fuß. Er betont, wie auch andere Kommentator:innen, dass die Ursachen von Ceuta 2026 zu allererst in der sozialen Krise Marokkos zu suchen sind. Näheres findet sich dazu auch in unserem Marokko-Wiki, das inzwischen auch auf Arabisch vorliegt.
Auch Miriyam Aouragh betont in einem Interview mit Democracy Now die soziale Ungleichheit in Marokko und die Tradition der Harraga seit den 1990er Jahren. Sie beginnt das Interview mit dem Gedenken an die Toten, die den abertausenden Toten der Migrant:innen hinzuzuzählen sind, die in den letzten Jahrzehnten ihr Leben auf dem Meer verloren haben. Sie verweist auf die kolonialen Ursachenzusammenhänge, ebenso wie auf den Zusammenhang der GenZ Aufstände, der Armut, der Repression mit dem Ansturm auf Ceuta.
Ein Buch von Miriym Aouragh wird demnächst unter dem Titel Mobilized Lives: Revolution and Counter-Revolution in Morocco erscheinen. Mobilized Lives – vielleicht ist das ein Zugang zur Aufbruchstimmung unter den Jugendlichen. Natürlich laufen viele Mobilisierungsprozesse über die Social Media; die mobilen Jugendlichen sind Digital Natives, über Klassengrenzen hinweg. Es geht um Jugendliche ohne Einkommen, die großenteils eine Sekundarschule abgeschlossen haben, die aber bei ihren Eltern unter dem Küchentisch schlafen müssen und die keine Aussicht auf Heirat haben. Die Fragen, ob es auf den Social Media fremde Einflüsse gab, fallen gegenüber der Aufnahmebereitschaft und Agency der Mobilized Lives nicht sehr ins Gewicht.
Die Soziologin Leila Bouasria (Université Hassan II, Casablanca) argumentiert in einem Interview mit ENASS sehr zurückhaltend, wird aber zum Schluss grundsätzlich: “Ein eindringliches Wort [taucht] immer wieder in den Äußerungen der Ausreisenden auf. Ich habe heute Morgen die Botschaft eines Mannes gehört, der ganz einfach sagte, dass er sich dort als „bnadem“ – als Mensch – fühle. Dieses Wort berührt mich zutiefst, denn es sagt alles. „Bnadem“ bezieht sich weder auf das Streben nach Erfolg noch nach Komfort oder gar nach Rechten im juristischen Sinne: Es ist die grundlegendste Stufe der Anerkennung. Das verschiebt die gesamte Analyse: Sie fliehen nicht nur vor wirtschaftlicher oder politischer Ausgrenzung, sie fliehen vor einem Ort, an dem sie sich entmenschlicht fühlen…”
Unter dem Slogan Revolution von König und Volk hat der Makhzen immer wieder versucht, seine Macht zu sichern und die mobilisierten Subjekte einzuspannen, wie z.B. im Mai 2021, als die Grenzkontrollen auf marokkanischer Seite vorübergehend gelockert wurden. Der Grüne Marsch von 1975 ist das prominenteste Beispiel. Damals standen die USA wohlwollend im Hintergrund, so wie vielleicht auch heute. Aber, wie gesagt, Spekulationen über äußere Einflussnahmejn stehen nicht im Zentrum unseres Interesses.
Die Schwimmer von Ceuta wurden nicht vom König ausgesandt. Ceuta 2026 ist wie die Gen Z-Unruhen vielmehr Ausdruck eines tiefen Risses zwischen dem Makhzen und seinen Megaprojekten und der mobilisierten jugendlichen Bevölkerung. Es geht es hier darum, auf das Wesentliche zu fokusieren: mehr als 70.000 Menschen suchen Würde und ein besseres Leben und gehen, schwimmen, rennen an gegen das Europäische Grenzregime.
Was ist geschehen und Warum?
01.08.26 Reuters: Spain installs floating barrier in Ceuta after deadly migrant rush:
Nach Angaben der spanischen Behörden waren seit Donnerstag etwa 50.000 Menschen auf dem Land- und Seeweg nach Ceuta eingereist – ein beispielloser Ansturm an einer der wenigen Landgrenzen der Europäischen Union zu Afrika. Mehr als 48.000 von ihnen kehrten innerhalb von 48 Stunden nach Marokko zurück, teilte Spanien mit.
Madrid erklärte, dass die Personen, die irregulär nach Ceuta eingereist seien, nicht weiter auf das spanische Festland oder in andere Teile des Schengen-Raums reisen dürften.
[Videos]
Spanien teilte mit, dass die Einreisen von Migranten in seine nordafrikanische Enklave Ceuta über Nacht zum Erliegen gekommen seien, nachdem die Polizei am Samstag vor der Grenze zu Marokko mit der Installation einer 500 Meter (1.640 Fuß) langen schwimmenden Barriere begonnen hatte – als Reaktion auf einen Massenansturm, bei dem mindestens 67 Menschen ums Leben gekommen waren.
01.08.26 ENASS: «Se sentir Bnadem» : une lecture citoyenne des départs vers Bab Sebta:
Angesichts der Bilder von den Abreisen nach Bab Sebta lehnt die Soziologin Leila Bouasria (Universität Hassan II, Casablanca) eine voreilige Interpretation ab. Die Forscherin, die die Dinge aus der Perspektive einer Bürgerin betrachtet, schlägt eine Deutung vor, die dieser schwerwiegenden Realität gerecht wird und mehr Fragen als Gewissheiten aufwirft.
Mir scheint, dass die Antwort nicht in mangelnder Entwicklung liegt, ganz im Gegenteil. [...] Großprojekte, darunter Tanger Med, die Freihandelszonen und Nador West Med, die Arbeitsplätze schaffen sollen. Genau das macht die Abwanderung so beunruhigend: Diese jungen Menschen scheinen aus einem Land zu fliehen, das sich ohne sie weiterentwickelt, dessen Erfolge sie jeden Tag miterleben, ohne jemals daran teilzuhaben (wie wir in Casablanca bei den Abrissprojekten gesehen haben, die die betroffenen Bewohner hart getroffen haben, während parallel dazu Großprojekte für eine Vorzeigestadt entstanden sind).
Und schließlich taucht ein kraftvolles Wort immer wieder in den Äußerungen der Ausreisenden auf. Ich habe heute Morgen die Botschaft eines Mannes gehört, der ganz einfach sagte, dass er sich dort „bnadem“ fühle – ein Mensch. Dieses Wort bewegt mich zutiefst, weil es alles sagt. „Bnadem“ bezieht sich weder auf das Streben nach Erfolg noch nach Komfort oder gar nach Rechten im juristischen Sinne: Es ist die grundlegendste Stufe der Anerkennung. Das verschiebt die gesamte Analyse: Sie fliehen nicht nur vor wirtschaftlicher oder politischer Ausgrenzung, sie fliehen vor einem Ort, an dem sie sich entmenschlicht fühlen…
Taz 02.08.26: Migration nach Ceuta: Gerüchte und außenpolitische Spielchen:
Selbst aus weit entfernten Teilen Marokkos waren Menschen in Bussen in die marokkanische Gemeinde Fnideq gelangt. Vor den Augen von Sicherheitskräften stiegen sie aus und zogen in Richtung der Grenzanlagen am Strand von Tarajal. Viele umrundeten schwimmend eine Mole und kletterten auf der spanischen Seite an Land. Später öffnete die Menge Durchgänge in den Grenzanlagen und lief hindurch. Erst am Donnerstagabend griffen die marokkanischen Sicherheitskräfte wieder ein und schlossen den Übergang, unter anderem mit Wasserwerfern.
Bis Sonntagnachmittag barg Spanien laut Behörden 72 und Marokko 17 Leichen, darunter viele Kinder. Dutzende Menschen sind nach NGO-Angaben weiter vermisst, vermutlich dürften insgesamt über 100 Menschen zu Tode gekommen sein – die meisten durch Ertrinken. Marokko brachte Leichen nach Tanger, wo sie am Sonntag obduziert wurden.
Auch Mohamed Sbihi aus der Medina von Rabat war am Donnerstagmittag über einen offen stehenden Grenzübergang nach Ceuta gekommen. „Die spanischen Beamten ließen uns einfach passieren. In dem Moment dachten wir, dass die Gerüchte der letzten Tage tatsächlich richtig waren.“
Der 24-Jährige berichtet der taz am Telefon, dass in der Vorwoche auf TikTok und Instagram plötzlich zahlreiche Videos auftauchten, in denen für die Reise nach Ceuta geworben wurde. „Ein Gericht habe entschieden, dass man von dort ganz einfach auf das spanische Festland reisen könne“, sagt Mohamed Sbihi. „Zusammen mit drei Freunden habe ich, ohne groß nachzudenken, beschlossen zu gehen. An einem angegebenen Treffpunkt am Stadtrand standen wir in einer riesigen Menschenmenge. Wir hatten weder Geld noch einen Plan. Dann fuhren Lastwagen vor. Auf der Ladefläche kamen wir bis Fnideq.“ Es habe einige Mitreisende gegeben, die scheinbar die anderen anführten und sie direkt in Richtung Hafen brachten. Doch zu den Fähren kamen sie nicht, weil die spanischen Sicherheitskräfte einen Sicherheitsring um das Gelände aufgebaut hatten. Auch Bewohner der umliegenden Stadtviertel hätten sie mit Knüppeln und Luftgewehren von dort verjagt. „Weil alle Läden geschlossen waren und wir überall auf feindselige Bewohner und Polizisten trafen, waren wir den ganzen Tag in Bewegung.“ Die meisten in seiner Gruppe seien sehr viel jünger gewesen als er selbst, berichtet Mohamed Sbihi. Irgendwann am Abend seien sie dann einfach durch die noch immer offene Grenze zurückgegangen. „Doch ich habe mein ganzes Geld für die erste warme Mahlzeit seit zwei Tagen ausgegeben. Und weiß noch nicht, wie ich nun zurückkomme.“
„Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich losgezogen bin“, sagt Ayoob, ein Student aus Tanger. Er war am Freitag vom Strand in Fnideq nach Ceuta geschwommen. An den Beinen hat er zahlreiche blaue Flecken, berichtet der 20-Jährige. Zunächst hätten marokkanische Beamte versucht, mit Schlagstöcken die in die Kleinstadt drängende Menge aufzulösen. „Dabei kam es zu regelrechten Straßenschlachten. Neben uns schwammen auch Familien mit Kindern.“
Doch viele Menschen im Meer hätten von Mitschwimmenden gerettet werden müssen, sagt er. „Als ich dann leblose Körper sah, wurde mir klar, dass das eine schlechte Idee war.“ Auch Ayoob steckt nun in Fnideq fest und hofft, dass ihm seine Eltern am Sonntag das Geld für ein Busticket nach Tanger schicken.
Doch vor allem die auch nach Ceuta gereisten Migrant:innen aus Westafrika wollen bleiben. „Wir sind über die algerische Grenze nach Marokko marschiert und von Soldaten verprügelt worden“, sagt Abubakr Bangui aus Sierra Leone. Er harrt mit seiner Frau und Tochter am Strand von Ceuta aus. „Wir bleiben, schlimmer als in Marokko kann es hier auch nicht werden.“
02.08.26 SZ: Sie gehen so schnell, wie sie kamen:
Als mindestens 50 000 Geflüchtete aus Marokko plötzlich nach Ceuta eindringen, schließt die spanische Exklave alle Bars und Geschäfte. Das Kalkül geht auf.
02.08.26 El Diario: La Asociación Elín denuncia la deshumanización de personas migrantes en Ceuta y la pasividad de las instituciones: “Es una decisión política”:
Die Organisation „Asociación Elín“, die sich für Menschenrechte und die Aufnahme von Migranten einsetzt, hat die „Entmenschlichung, systemische Vernachlässigung und institutionelle Passivität“ angeprangert, unter denen diejenigen leiden, die versuchen, von Marokko aus nach Ceuta zu gelangen.
„Die Passivität der Institutionen angesichts dieser humanitären Krise ist nicht nur Fahrlässigkeit, sondern eine politische Entscheidung, die Menschen zu extremer Verletzlichkeit und absoluter Hilflosigkeit verdammt und unser kollektives Gewissen verletzt“, erklärte die humanitäre Organisation in einer Pressemitteilung.
03.08.26 Democracy Now: Why Did 60,000 Migrants Cross from Morocco into Spain’s Ceuta? Moroccan Dutch Professor Explains
Miriyam Aouragh, Anthropologin und Tochter marokkanischer Einwanderer in Europa, erklärt, die treibenden Faktoren für die Massenbewegung seien eine Kombination aus sich ändernden Einreisebestimmungen für Spanien und zunehmender wirtschaftlicher Ungleichheit in Marokko. Miriyams in Kürze erscheinendes Buch trägt den Titel „Mobilized Lives: Revolution and Counter-Revolution in Morocco“.
„Die Gründe wurden in den sozialen Medien ausführlich diskutiert, und zwar in einem Ausmaß, dass wir wilde – wirklich wilde – Verschwörungstheorien gehört haben, die von ‚Israel hat Marokko bezahlt, um Spanien zu destabilisieren‘ bis hin zu ‚Trump hat Marokko ermutigt, in Spanien einzumarschieren‘ reichen. Das sind ziemlich problematische Erklärungen, nicht nur, weil sie nicht den Tatsachen entsprechen und uns die Gründe für diesen Migrationsanstieg nicht verständlich machen, sondern auch, weil sie sehr orientalistisch und ziemlich rassistisch sind, da sie die Handlungsfähigkeit gewöhnlicher Menschen auf einem Kontinent herabsetzen, auf dem es seit jeher Migration gibt und der auch miterlebt hat, wie Marokko zu einem Transitland für Europa wurde. Während meiner Feldforschung in Tanger und Al-Hoceima habe ich zudem viele Menschen befragt und über sie recherchiert, die vor Ort in Basisorganisationen tätig sind, um Migrant:innen aus Afrika, aber auch aus Afghanistan, Syrien, Palästina usw. zu unterstützen. Diese Migrant:innen versuchen immer wieder, die Grenze zu überqueren, und für einige derjenigen, die wir letzte Woche gesehen haben, war dies nicht ihre erste Reise. [...] Was wir jetzt beobachten, ist ein erneuter Anstieg marokkanischer Migrant:innen, und dies lässt sich durch die Situation in Marokko selbst erklären.“
05.08.26 Le Grand Continent: Pourquoi le Maroc n’a pas pu orchestrer la crise de Ceuta:
Mehdi Alioua erteilt den Spekulationen über ausländische Einmischung und eine Strategie Rabats eine Absage. Vielmehr stellt er eine Krise des Regimes in den Vordergrund:
“Im Inland ist die Wut derzeit sehr groß, es gibt Forderungen nach dem Rücktritt der Regierung, zumal niemand in den Reihen der Machthaber weiß, wie man um unsere mehr als achtzig Toten trauert. Eine nationale Tragödie.”
Das politische System Marokkos beschreibt Alioua als gegründet auf der “Revolution des Königs und des Volkes“: Das gesamte politische Geschehen des Königreichs seit der Unabhängigkeit besteht darin, dieses Gleichgewicht zu wahren, auch wenn das Ungleichgewicht stets eher zugunsten der Monarchie als zugunsten des Volkes ausfällt.”
Am 30.07 fand der jährliche Thronfeiertag statt, der große symbolische Höhepunkt dieses Systems. Die Feierlichkeiten fanden in diesem Jahr in Tétouan statt, 20 km entfernt von der Enklave Ceuta. Zugleich waren Marokkabner:innen massenhaft in die Ferien gefahren, an die Strände zu be4iden Seiten von Ceuta. Hinzu kamen 2,2 Millionen marokkanische Emigranten, die in den Ferien aus der EU nach Marokko reeisten. “In dieser riesigen Menschenmenge, die sich aus Millionen von Menschen zusammensetzte, war es unmöglich zu unterscheiden, wer zum Strand wollte, wer den königlichen Festzug bejubelte und wer versuchte, die Landgrenze der Kolonialeniederlassung zu überqueren.” Die Polizeikräfte waren auf die Thronfeier fokusiert, die offiziellen Nachrichten auch.
Die geographische Lage von Ceuta inmitten dieser Millionenzahl von Menschen habe einen schnellen Einsatz von Sicherheitskräften unmöglich gemacht.
“An einem solchen Engpass ist ein schneller Einsatz von Sicherheitskräften inmitten einer Menschenmenge nicht möglich, ohne ein Blutbad zu riskieren. Man schickt keine Fallschirmjäger gegen Badegäste… Als mehrere Tausend Menschen schwimmend die Meerenge überquerten und sich eine riesige Menschenmenge am Strand drängte, bestand die einzige Alternative zum Schlimmsten – sie zu ertränken oder zuzusehen, wie sie sich ins Meer stürzen – darin, in Abstimmung mit den Spaniern die Landgrenze einen Spalt breit zu öffnen. Es hätte nichts gebracht, den Toten noch weitere Tote hinzuzufügen.”
Die Kernpassagen des Interviews sollen hier wörtlich wiedergegeben werden:
Wie erklären Sie sich diesen außergewöhnlichen Ansturm? Wer ist zwischen dem 30.und 31. Juli nach Ceuta eingereist und warum?
Man muss zwei Zeitpunkte unterscheiden. Wenn man das nicht tut, versteht man das Ausmaß des Ereignisses nicht.
Die erste Gruppe besteht aus denen, die nach Europa gelangen wollten und über Informationen verfügten, die wahrscheinlich manipuliert oder falsch waren. Dabei handelt es sich um zahlreiche arbeitslose Hochschulabsolventen, um jene Jugend, die in Marokko das Spiel der Meritokratie mitgespielt hat, ohne Zugang zu dem würdigen Leben zu erhalten, das sie verdient.
Dank der unter der Herrschaft von Mohammed VI. umgesetzten Entwicklungspolitik haben sie in großem Umfang Zugang zu Bildung erhalten – 70 % der Jugendlichen erreichen die Oberstufe, und das Land zählt 1,3 Millionen Studierende, gegenüber weniger als 100.000, als ich mein Studium begann – es werden ihr jedoch nur unterbezahlte, oft nicht angemeldete Arbeitsplätze angeboten – in einem Land, in dem nur 2,2 Millionen Erwerbstätige bei der Sozialversicherung gemeldet sind und in dem fast eineinhalb Millionen junge Menschen im Alter von 14 bis 24 Jahren nichts tun: weder studieren, noch eine Ausbildung absolvieren, noch arbeiten.
Zwar ist die extreme Armut zurückgegangen, doch die Prekarität bleibt bestehen: Es handelt sich um eine echte soziale Krise und einen Schlag ins Gesicht für ein kapitalistisches und liberales Entwicklungsmodell ohne Sozialstaat, dessen beeindruckende Bilanz seit den 1990er Jahren die Mehrheit der Bevölkerung auf der Strecke gelassen hat. Diese jungen Menschen sagen es, und die Älteren sagten es mir bereits 2004 während meiner Doktorarbeit: „Wir haben keine Angst vor dem Tod, wir sind gesellschaftlich bereits tot.“
Die zweite Gruppe ist eine Massenbewegung. Die Stadt Sebta gleicht einer Mischung aus der Promenade des Anglais, La Grande-Motte und Palavas-les-Flots. Die Sommergäste und die Anwohner der Umgebung, zu denen sich Menschen gesellten, die den Tipp erhalten hatten, dass „es gerade möglich sei“, überquerten die Grenze zu Fuß, sobald sie geöffnet war, so wie man einen Fußballplatz stürmt. Zuerst waren es nur wenige, dann ließen die Ordner es zu, das Gelände wurde überrannt, und jeder ging wieder seiner Wege. Die Bilder zeigen ausgelassene Badegäste unter den Blicken der marokkanischen Sicherheitskräfte, die von der Guardia Civil kaum aufgehalten wurden. Es handelt sich eher um eine Herausforderung als um ein Migrationsvorhaben – um den Ausdruck der Verzweiflung einer Jugend im Stil einer spontanen Demonstration, gerichtet gegen eine koloniale Grenze, die den zusammenhängenden Küstenverlauf unterbricht und die Marokkaner daran hindert, sich frei zu bewegen. Viele sind übrigens sofort wieder zurückgekehrt: In weniger als zwei Stunden waren bereits 48.000 Menschen wieder in Marokko.
In seinen weiteren Ausführungen führt Alioua die Situation an den Grenze der Enklaven, die er als koloniale Außenposten bezeichnet, auf die Abschottungspolitik der EU zurück. Er beschreibt das alltägliche Drame der Schwimmer und der Toten. Die tiefere Ursache aber liege in der sozialen Krise in Marokko. Mehrdi Aliaoua beschreibt die Möglichkeit, dass die Enklaven Ceuta und Melilla ihre Zäune wieder abbauen könnten und dort ein spanisch-marokkanisches Kondominium entsteht, eine gemeinsame, geteilte Verwaltung der beiden Städte.
05.08.26 Zeit: »So eine Information kann sehr mächtig werden«:
Wie kam es zum Aufbruch nach Ceuta? Die Migrationsforscherin Sandra Morgenstern untersucht die komplexe Wechselwirkung von Gerüchten, Algorithmen und emotionalen Bildern.
Gerade soziale Medien werden stark durch Algorithmen bestimmt. Menschen folgen in sozialen Medien bestimmten Quellen und wählen Informationen aus, die zu ihren Interessen und Vorstellungen passen. Die Algorithmen verstärken diese Auswahl zusätzlich. So können Informationen einseitig werden und bereits vorhandene Wünsche bestätigen. Zugleich verbindet das Handy Angehörige, andere Migranten, Schleuser und Gruppen in sozialen Medien. In diesem Sinne ist es durchaus Teil der Fluchtinfrastruktur.
Zum Fall Ceuta: Offenbar wurde die Rechtslage so interpretiert, dass Menschen, die Ceuta über das Wasser erreichen, einreisen dürften. Das ist eine sehr starke Information. Sie kann – wenn wir zum Modell von aspirations und capabilities zurückkehren – bei Menschen dazu führen, dass sie meinen, ihren Wunsch nach Migration nun auch umsetzen zu können. So eine Information kann sehr mächtig werden.
05.08.26 Spiegel: »Es war ein Spiel, und wir sind einfache Leute – wir sind drauf reingefallen«:
Der SPIEGEL hat in den vergangenen Tagen mit mehr als zwei Dutzend Menschen auf beiden Seiten der Grenze gesprochen. Die Migranten berichten nahezu ausnahmslos davon, von marokkanischen Sicherheitskräften über die Grenze getrieben worden zu sein. Oft mit Gewalt. »Sie haben uns geschlagen, damit wir weiter nach Spanien gehen«, sagt ein junger Marokkaner. Sie seien mit Stöcken bedroht und immer weiter geschubst worden, berichtet auch Souleymane Griene. »Sie verprügelten und pushten uns in Richtung Meer.«
Viele von ihnen fuhren im Sammeltaxi, auf dem Motorrad oder mit dem Bus aus dem ganzen Land in die marokkanische Grenzstadt Fnideq, die letzten zwei Kilometer gingen sie zu Fuß. Von Schmugglern erzählt nur einer. Am Zaun stoppte sie, so erzählen sie übereinstimmend, niemand. Sie schwammen durchs Meer um den Grenzzaun, später kletterten sie einfach durch Löcher in der europäischen Außengrenze. Woher diese Löcher kamen – unklar.
Noch immer werden in Ceuta 2000 bis 6000 Migranten vermutet, zunehmend feindselig treiben spanisches Militär und Polizei sie zusammen, teils auf Militärlastwagen, meist zu Fuß. Als am Samstag die ersten Geschäfte wieder öffneten, standen teils Soldaten Spalier. Vor Lidl parkten gepanzerte Fahrzeuge.
Das Militär patrouilliert seit dem Wochenende in Konvois durch die Stadt wie durch ein Kriegsgebiet. Seit Montag sind Soldaten der Legión Española, der spanischen Fremdenlegion, zu sehen. Alle Hotels der Stadt sind seit Tagen durch Sicherheitskräfte ausgebucht. Und es kommt weiter Polizei vom Festland.
Hunderte Minderjährige harren noch in der Stadt aus. Einige erzählen, ihre Eltern hätten sie geschickt, teils seien sie auf eigene Faust aufgebrochen. 862 Heranwachsende wurden inzwischen in Obhut genommen, täglich werden es mehr. Zwei Schulen sollen jetzt zu Notlagern umfunktioniert werden.
Einen Tag später berichtet der Spiegel ausführlich, wie die Migrationsbewegung in Ceuta ausgehungert wird:
06.08.26 Spiegel: Sie schlafen auf Pappkartons, es gibt keinen Strom, keine Toiletten:
Tausende Kinder und Jugendliche harren in Ceuta aus. Allein, ohne Eltern. Die Mädchen haben ständig Angst vor sexuellen Übergriffen. Und sie wissen nicht, wie es weitergeht.
Als Beispiel für die Spekulationen über Einflüsse von dritter Seite steht hier der Guardian:
06.08.26 Guardian: ‘Morocco feels emboldened’: Trump’s influence in spotlight after Ceuta disaster:
Beobachter vermuten, dass Spaniens jüngste Annäherung an Rabats Erzrivalen Algerien Marokko provoziert haben könnte. Eine andere, vielleicht plausiblere Erklärung deute jedoch auf die USA hin, sagte Fabiani.
„Das lässt sich natürlich nicht beweisen“, sagte er. „Aber was die Plausibilität angeht, halte ich es nicht für undenkbar, dass Marokko etwas unternommen haben könnte, um bei seinen Verbündeten Pluspunkte zu sammeln, da Marokko und diese spezielle Regierung in Washington tatsächlich eine sehr enge, ausgezeichnete Beziehung pflegen.“
Zwar habe Marokko den Ansturm auf Ceuta wahrscheinlich nicht „inszeniert“, so Fabiani, doch seine Beziehung zur Trump-Regierung – zusammen mit dem Wunsch des marokkanischen Königs, den Anspruch auf Ceuta im Blickpunkt der Öffentlichkeit zu halten – könnte beeinflusst haben, wie das Land auf die sich schnell verbreitenden Online-Gerüchte reagierte, wonach die spanische Grenze geöffnet worden sei.
09.08.26 Euronews:'Ceuta is Spain': Hundreds of people protest Spanish government's response efforts over migrant influx crisis:
The four religious communities in Ceuta — Christian, Muslim, Jewish and Hindu — brought together hundreds of people in Constitution Square on Sunday afternoon to demand solutions to the migrant crisis and defend coexistence in the city.
The protest, held under the slogan "Enough is enough, Ceuta will not surrender", was marked by criticism of the government in Madrid, which some protesters accused of "abandonment".
"Ceuta is not for sale. Ceuta is Spain" and "Sánchez, resign" were among the chants heard from the crowd. Some protesters later continued the demonstration with a march towards the Government Delegation in the city.
10.08.26 AJE: Ceuta mayor calls for migrant detention amid mass influx crisis:
Der Regierungschef von Ceuta hat die Inhaftierung und Ausweisung von Tausenden Asylsuchenden und Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung gefordert, die nach der Massenüberquerung aus Marokko im vergangenen Monat auf den Straßen des spanischen Gebiets in Nordafrika umherziehen. „Es muss eine Einrichtung geschaffen werden, die als Internierungslager für Ausländer dient, in der diese Menschen festgehalten und unter Verschluss gehalten werden können“, erklärte der Bürgermeister und Präsident von Ceuta, Juan Jesús Vivas von der konservativen Volkspartei, gegenüber Reportern.
Die spanischen Behörden haben am Montag die geschätzte Zahl der irregulären Migranten, die die Reise angetreten haben, auf 80.000 aktualisiert. Nach Angaben der spanischen Regierung kehrten 70.000 Migranten und Asylsuchende innerhalb von zwei Tagen nach Marokko zurück. Doch die Tausenden, die geblieben sind – darunter Hunderte unbegleiteter Kinder, die nach spanischem Recht nicht ohne weiteres abgeschoben werden können –, haben Schwierigkeiten, Zugang zu Nahrung, Wasser, Unterkünften und sanitären Einrichtungen zu erhalten, was die Ressourcen Ceutas stark belastet.
Ihre Zukunft hat einen politischen Streit zwischen der linken Zentralregierung Spaniens und den Regionen ausgelöst, die von der konservativen Volkspartei (PP) und der rechtsextremen Partei Vox regiert werden; diese lehnen die Aufnahme unbegleiteter Kinder nach den geltenden gesetzlichen Bestimmungen ab.
Hierzu ein Video auf AJE: Migrant children go days without food in Ceuta amid asylum crisis
10.08.26 Sozial.Geschichte: Helmut Dietrich: Aktuelle Notiz zur Situation um Ceuta:
Die ersten rund tausend Jugendlichen, die am Donnerstagvormittag des 30. Juli an der Grenze ankamen, eröffneten für die Nachkommenden den Weg. Zunächst schwammen sie um die Mole herum, die das Ende der Grenze darstellt. Dann öffneten die Nächsten die grenzpolizeilichen Tore an der Mole. Die riesige Freude der Ankommenden wurde und wird getrübt, weil unzählige Mitschwimmende ertrunken sind. Auf spanischer Seite wurden in den letzten 24 Stunden 43 Tote aus dem Wasser geborgen [inzwischen wird die Zahl der Ertrunkenen auf 70 bis 100 geschätzt], die marokkanische Seite gibt keine Zahlen bekannt.
Alle großen spanischen Medien sind inzwischen vor Ort. Unisono berichten die ReporterInnen, dass die Leute als Grund für ihr Kommen ihre Armut angeben („ich will Geld verdienen und damit meinen Eltern helfen!“), niemand weiß etwas von den Politikerspekulationen, dass ein kürzliches Urteil des spanischen höchsten Gerichts die spanischen Rückschiebungen auf dem Meer verboten hat. Im letzten Jahr sollen 60.000 Schwimmende vor Ceuta von der Guardia Civil ohne Prozedere zurück an marokkanische Einheiten übergeben worden sein.
Anzumerken ist, dass bislang niemand nach dem Schießbefehl ruft und dass Pedro Sánchez anscheinend die Aufforderung der EU-Kommission, eine Frontex-Operation anzunehmen, abgelehnt hat. Der spanische Staat antwortet antisozial, mit einer Politik des Aushungerns. Es wird bislang keine Versorgungsstruktur für Essen, Wasser, Steckdosen für Handys und Notunterkünfte aufgebaut. Zu Tausenden soll sich die überwiegende Zahl bereits wieder auf dem Rückweg nach Marokko befinden.
12.08.26 AJE: Morocco says working to prevent potential new Ceuta crossings surge:
Die marokkanischen Behörden geben an, dass sie daran arbeiten, weitere Menschen daran zu hindern, in das von Spanien verwaltete Ceuta überzusetzen, nachdem eine neue Desinformationskampagne in den sozialen Medien zu massiven Einreiseversuchen aufgerufen hatte.
Das marokkanische Innenministerium teilte am Mittwoch mit, dass es die Sicherheitsvorkehrungen entlang seiner Grenzen zu den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla verstärkt habe.
Die Behörden kündigten zudem an, rechtliche Schritte gegen diejenigen einzuleiten, die Online-Beiträge verbreiten, die zur irregulären Migration aufrufen. Der Anstieg Ende Juli war durch eine Social-Media-Kampagne ausgelöst worden, die zu Massenüberquerungen aufrief.
In der vergangenen Woche kursierten erneut Online-Beiträge. Diesmal wird behauptet, dass der Grenzübergang zwischen der marokkanischen Stadt Fnideq und Ceuta am 15. August, einem Feiertag in Spanien, geöffnet sein werde.
15.08.26 Tagesspiegel: Update: Wieder Aufruf in sozialen Medien: Spanien wappnet sich für neuen Ansturm von Migranten auf Ceuta:
Spanien hat seine Polizei- und Militärpräsenz in seiner nordafrikanischen Exklave Ceuta verstärkt. Zuvor waren in den sozialen Netzwerken wieder Aufrufe zu einem erneuten Massenansturm auf Ceuta aufgetaucht. Das marokkanische Innenministerium spricht von entsprechenden anonymen Beiträgen in sozialen Netzwerken, berichtet unter anderem die spanische Tageszeitung „El Pais“.
Etwa 5000 Migranten seien noch in Ceuta, sagte der spanische Innenminister. Die Behörden hätten mit der Überprüfung der Erwachsenen begonnen. Spanien werde diejenigen ohne Bleiberecht nach Marokko zurückführen.
Am Freitagabend wachten spanische Soldaten in Kampfuniform vor Supermärkten und öffentlichen Gebäuden, während Polizeifahrzeuge verstärkt auf den Hauptstraßen der Exklave patrouillierten. Spanien hatte nach dem Ansturm der Migranten bereits eine Seebarriere errichtet und über 500 zusätzliche Polizisten vom Festland entsandt. Somit seien 1600 Polizisten und 2000 Soldaten vor Ort, berichtet die Zeitung. Einsatzkräfte sollen aus dem Urlaub zurückbeordert worden sein. Das Innenministerium teilte mit, sie würden so lange bleiben, wie es die Lage erfordere.
Auf der marokkanischen Seite der Grenze überwachten am Freitagabend Dutzende schwarz gekleidete Sicherheitskräfte den Strand von Fnideq, von dem aus viele Migranten in Richtung Ceuta aufgebrochen waren. Laut Berichten örtlicher Medien wurden die Sicherheitskräfte an den Grenzen zu Ceuta und der zweiten spanischen Exklave Melilla verstärkt und Stacheldrahtzäune gezogen.
15.08.26 Spiegel: Mehr als hundert Festnahmen nach Grenzübertrittsversuchen bei Ceuta:
Marokkanische Sicherheitskräfte haben offenbar am Samstag mehr als hundert Menschen festgenommen. Sie sollen versucht haben, in die spanische Exklave Ceuta zu gelangen. Laut dem marokkanischen Innenministerium handelt es sich bei den Festgenommenen um 109 Migranten aus Subsahara-Afrika sowie zwei Marokkaner. Das Nachrichtenportal »Le360 « berichtete von fast 300 Festnahmen in Frideq.
Wie die spanische Nachrichtenagentur Efe berichtete, habe die marokkanische Polizei Tränengas eingesetzt, um Gruppen von Migranten in den Hügeln rund drei Kilometer vor der Grenze zu zerstreuen. Am Grenzübergang selbst soll es verhältnismäßig ruhig gewesen sein.
Spanische Journalisten von Efe sowie dem spanischen Staatssender »TVE« sollen vom marokkanischen Innenministerium angewiesen worden sein, die marokkanische Grenzstadt Fnideq umgehend zu verlassen. Dort sollen die Behörden laut Medienberichten zusätzliche Sperren aus Stacheldraht errichtet haben. Außerdem stünden Wasserwerfer bereit.
15.08.26 Zeit: Spanien verstärkt Polizei in Ceuta nach Aufrufen zu neuem Ansturm:
Meta und TikTok hatten sich Anfang der Woche bereiterklärt, Inhalte zu Grenzübertritten nach Spanien künftig auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen zu lassen. So solle verhindert werden, dass Kriminelle potenzielle Migranten mit Falschinformationen anlockten, was in der Vergangenheit zu tragischen Todesfällen geführt habe, teilte EU-Technologiekommissarin Henna Virkkunen mit. Ein Sprecher der EU-Kommission sagte, dass sich die Plattformen zudem verpflichtet hätten, Inhalte im Zusammenhang mit Schleusungen zu verbieten.
15.08.26 Reuters: Morocco arrests 111 migrants headed for Spain's Ceuta in security crackdown:
„Wir werden weiterhin so viel Personal einsetzen, wie nötig ist, um so schnell wie möglich wieder zur Normalität zurückzukehren und zu verhindern, dass sich Ereignisse wie die vom 30. Juli wiederholen“, sagte Innenminister Fernando Grande-Marlaska am Donnerstag.
Etwa 5.000 Migranten hielten sich noch in Ceuta auf, so der Minister. Reuters beobachtete Hunderte von Menschen, die sich am Stadtstrand von El Trampolin unter provisorischen Bambusunterständen vor der sengenden Hitze schützten.
Grande-Marlaska erklärte, dass Migranten, die illegal eingereist seien, nicht in der Enklave bleiben, nicht auf das spanische Festland reisen und keinen legalen Status erhalten dürften, außer in seltenen Fällen, in denen eine extreme Schutzbedürftigkeit vorliege. Diejenigen ohne Bleiberecht würden nach Marokko zurückgeschickt, sagte er.
Viele der jungen Menschen, die am 30. Juli nach Ceuta gekommen waren, angelten, schwammen oder wuschen sich am Freitag am Strand von Tarajal. Einer von ihnen, Jamil, sagte, die massenhaften Grenzübertritte seien „von den Menschen geplant“, die ein Datum festlegen, sich in Fnideq versammeln und gemeinsam die Grenze überqueren, um in der Gruppe Stärke zu finden.
„Wenn ich bei meinen Eltern geblieben wäre, wäre ich langsam gestorben. Aber wenn ich mein Leben riskiere, hier ankomme und mir eine Zukunft aufbaue … wird es besser“, sagte er.
17.08.26 Faro del Ceuta: Marroquíes piden asilo en la playa del Trampolín y las naves del Tarajal tras dos días sin comer ni beber:
[Mit Bildern und Videos]
Der Strand „El Trampolín“ in Ceuta ist seit mehreren Tagen Schauplatz friedlicher Proteste, an denen vor allem marokkanische Migranten teilnehmen, die sich in der Gegend niedergelassen haben. Die jungen Menschen fordern das Recht, politisches Asyl zu beantragen und in Spanien bleiben zu dürfen – eine Forderung, die an diesem Montag auch in den Hallen von Tarajal vorgebracht wurde, wo Familienväter mit ihren Kindern leben.
Während der Kundgebungen tragen die Jugendlichen selbstgemachte Transparente mit Aufschriften wie „Freiheit“, „Politisches Asyl“ oder „Wir wollen nicht zurück“. Auf anderen ist zu lesen: „Auch wir sind Menschen“ – eine Forderung, die sie friedlich und einstimmig vorbringen: dass ihnen die Möglichkeit garantiert wird, Schutz zu beantragen und in Spanien bleiben zu dürfen.
18.08.26 Spiegel: Aufatmen in Ceuta – trotz Aufrufen im Internet kein neuer Ansturm:
In Fnideq errichetete Marokko laut RTVE unter anderem zusätzliche Sperren aus Stacheldraht und Natodraht. Patrouillenboote überwachten die Küste, Wasserwerfer standen an der Grenze bereit. Zudem wurden auf den Zufahrtsstraßen zahlreiche Kontrollstellen eingerichtet.
Auch Spanien hatte die Sicherheitsvorkehrungen deutlich erhöht. In Ceuta sind inzwischen 880 Beamte der Nationalpolizei im Einsatz – 270 mehr als noch Ende Juli. Unterstützt werden sie von rund 2000 Soldaten und mehr als 700 Beamten der militärisch organisierten Polizeieinheit Guardia Civil.
18.08.26 Faro de Ceuta: Interior registra 2.168 menores tras la entrada masiva en Ceuta que causó Marruecos:
Die Nationalpolizei hat in Ceuta zwischen dem 30. Juli, als es zu einem massiven Zustrom von Menschen aus Marokko kam, und Dienstagmorgen um 9 Uhr 2.168 Minderjährige identifiziert, wie das Innenministerium mitteilte.
Die Zentralregierung hat die autonomen Regionen für nächste Woche zu einer Fachkonferenz einberufen, um über die Umverteilung der Kinder und Jugendlichen, die in angespannte Gebiete wie Ceuta gelangt sind, zu beraten – mit dem Ziel, ihnen eine bessere Betreuung zu gewährleisten – sowie über die Überweisung von 25 Millionen Euro durch die Regierung an die autonome Stadt zur Versorgung der Minderjährigen.
Die Regionalregierungen der PP lehnen diese Debatte jedoch ab, da sie gegen das System sind, während die drei Koalitionsregierungen, in denen die Kinderpolitik in den Händen von Vox liegt (Aragón, Extremadura und Kastilien-León), gar nicht erst daran teilnehmen wollen.
Sellungnahmen zur EU-Politik
01.08.26 Osservatorio Repressione: Ceuta, la frontiera coloniale che l’Europa usa per alimentare la paura:
Über fünfzigtausend Menschen haben versucht, die spanische Enklave in Marokko zu erreichen. Hinter der Darstellung einer „Invasion“ verbergen sich Arbeitslosigkeit, soziale Krisen, geopolitische Erpressung und ein System der Externalisierung von Grenzen, das zu Todesfällen, Autoritarismus und Propaganda führt. Die europäische Rechte unter der Führung von Meloni hat sich erneut dafür entschieden, mit Militarisierung und Abschottung zu reagieren.
04.08.26 La Cimade: Drame de Ceuta: Juscu’où ira l’Indignité?:
Abgesehen von der besonderen historischen und geografischen Lage der spanischen Enklave Ceuta auf dem afrikanischen Kontinent und abgesehen von der sozialen Krise und den besonders ausgeprägten Ungleichheiten in Marokko, haben die Ereignisse der vergangenen Woche erneut deutlich gemacht, wie Migrant*innen heute Gegenstand zahlreicher geopolitischer Instrumentalisierungen sein können – eine Dimension, die durch die Logik der Externalisierung der europäischen Migrationspolitik noch verstärkt wird; und wie die Besessenheit dieser Politik, sich gegenüber „Unerwünschten“ abzuschotten, zwangsläufig zu solchen Situationen der Spannungen und des Feilschens führen muss, da nichts die Hoffnung auf ein anderes Leben für diejenigen vollständig verhindern kann, die zu allem bereit sind, um zu fliehen.
Was wir jedoch im Zusammenhang mit dem Drama von Ceuta erleben, ist vor allem eine erschütternde Eskalation der Entwürdigung.
06.08.26 Pro Asyl: Über 140 Tote in Ceuta: Europa verrät seine Menschlichkeit:
In den letzten Julitagen kamen zehntausende Menschen von Marokko aus schwimmend oder über die Landgrenze in die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika. Über 140 Menschen starben. Eine menschliche Tragödie. Doch für Trauer ist kaum Raum, stattdessen überbieten sich EU-Politiker*innen in ihrem Ruf nach noch mehr Abschottung.
10.08.25 Bordermonitoring: Kein GEAS in Ceuta:
Marc Speer diskutiert die Rechtslagte: “Gemäß der neu eingeführten Screening-Verordnung wäre Spanien (selbst in einer Krisensituation gemäß Krisenverordnung) dazu verpflichtet gewesen, alle Personen die »eine Außengrenze unbefugt überschritten haben« (Überprüfung an der Außengrenze) oder sich »illegal im Hoheitsgebiet des Mitgliedstaats aufhalten und bei denen es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass sie an den Außengrenzen kontrolliert wurden« (Überprüfung innerhalb des Hoheitsgebiets), einem Screening zu unterziehen und sie anschließend in »das geeignete Verfahren« zu verweisen.”
11.08.26 Alternatives Economiques: A Ceuta, l’Europe a encouragé la violation des droits des migrants par l’Espagne:
Claire Rodier, Gisti: Es gibt also allen Grund zu der Annahme, dass in Ceuta zahlreiche Rechtsverletzungen begangen wurden, unter Missachtung der europäischen Vorschriften, die zur Bewältigung von Krisensituationen vorgesehen sind. Indem sie Spanien die Grenzen seiner Enklaven in Marokko allein verwalten lassen, als handele es sich um eine nationale Angelegenheit und nicht um ein Symbol für die Externalisierungspolitik der EU, fördern die europäischen Regierungen bewusst die Fortsetzung dieser Rechtsverletzungen.
11.08.26 migreurop: Ceuta ou la consécration des politiques migratoires racistes et sécuritaires:
Im Gegensatz zu den Darstellungen, die in den letzten Wochen überwiegend in den Medien zu hören waren, sind die Ereignisse, die sich ab dem 30. Juli 2026 in Ceuta zugetragen haben, nicht als außergewöhnliche „Migrationskrise“ zu betrachten, sondern vielmehr als vorhersehbare Folge eines Modells zur „Steuerung“ von Migrationsbewegungen, das auf Abschreckung, der Auslagerung von Grenzen, der schrittweisen Normalisierung von Gewalt und der Instrumentalisierung von Migrationsfragen beruht. Die Militarisierung der Grenzen, die Grausamkeit gegenüber Migrant*innen, die Verletzung des Völkerrechts und die organisierte institutionelle Straffreiheit sind allesamt Faktoren, die tagtäglich die Sackgasse der aktuellen Migrationspolitik und -strategien verdeutlichen.
12.08.26 Spiegel: Schwedens Premier kanzelt Spaniens Flüchtlingspolitik ab:
»Wir akzeptieren keine unkontrollierte Migration«: Die Rechtspopulistin Giorgia Meloni aus Italien und die Sozialdemokratin Mette Frederiksen aus Dänemark haben ein gemeinsames Manifest veröffentlicht. Nun legt Schwedens Premier nach.
English Version
Reuters 16.08.26:
In Spain's Ceuta, hundreds of migrants stage protest and demand asylum
MADRID, Aug 16 (Reuters) - Hundreds of migrants who recently entered Spain's North African enclave of Ceuta staged a protest on a popular urban beach on Sunday, urging Spanish authorities to grant them asylum instead of sending them back to Morocco.
They were among the estimated 5,000 to 8,000 who remain in Ceuta after the mass border crossing two weeks ago that saw over 72,000 people surge into the tiny territory of about 80,000. The vast majority returned voluntarily in the following days.
With the city's resources overstretched, most migrants were living in precarious conditions on El Trampolin beach or the city's outskirts while awaiting a chance to journey on to continental Europe.
"We're sleeping next to the sea, with cold and bad smells. We're suffering a lot," said Ayoub Elarroud from Morocco's Tetouan, adding that police were blocking migrants from going to the city centre.
Introduction
At the end of July, more than 70,000 people crossed the border from Morocco into the Spanish exclave of Ceuta. In Ceuta, they were met with rejection and boarded-up shops. They suffered from thirst and hunger. The vast majority returned to Morocco shortly afterwards, but more than 5,000 people remain in Ceuta and are demanding a solution. According to the latest official statement from Madrid, 83 bodies have been recovered from the sea. Non-governmental organisations estimate the death toll to be well over a hundred.
The following collection of articles and commentaries on Ceuta 2026 does not focus on the seedy underbelly of European politics and touches only briefly on the issue of people-smugglers and foreign agents. What interests us far more is the initiative and agency of the young Moroccans (and the few non-Moroccan migrants) who, on 30–31 June, saw their chance to breach Ceuta’s border fortifications.
Whilst access to Melilla was secured by police force, an unusual situation arose around Ceuta: the spectacle of the Throne Festival in Tétuan and the beaches around Ceuta had attracted millions of people. As Medhi Alioua describes in an interview, the security forces were tied up with the Throne Day celebrations; furthermore, the swimmers emerged from a crowd of bathers on the beaches, particularly in Frideq: “At such a bottleneck, it is not possible for security forces to intervene swiftly in the midst of a crowd without risking a bloodbath. You don’t send paratroopers against bathers…”
Alioua distinguishes between two groups who crossed the border one after the other, first by swimming and then on foot. He emphasises, as do other commentators, that the root causes of the Ceuta 2026 incident lie first and foremost in Morocco’s social crisis. Further details can also be found in our Morocco Wiki, which is now available in Arabic as well.
In an interview with Democracy Now, Miriyam Aouragh also highlights social inequality in Morocco and the tradition of the Harraga dating back to the 1990s. She begins the interview by paying tribute to the dead, who must be added to the tens of thousands of migrants who have lost their lives at sea in recent decades. She points to the colonial root causes, as well as the link between the Gen Z unrest, poverty and repression, and the rush on Ceuta.
A book by Miriym Aouragh is due to be published shortly under the title Mobilized Lives: Revolution and Counter-Revolution in Morocco. Mobilized Lives – perhaps this offers a way into understanding the spirit of Harraga among young people. Of course, many mobilisation processes take place via social media; these mobile young people are digital natives, transcending class boundaries. We are talking about youth with no income, most of whom have completed secondary school, but who have to sleep under the kitchen table at their parents’ homes and have no prospect of marriage. Questions about whether there were external influences on social media carry little weight when set against the receptiveness and agency of these ‘Mobilized Lives’.
The sociologist Leila Bouasria (Hassan II University, Casablanca) argues very cautiously in an interview with ENASS, but concludes on a fundamental note: “One powerful word [keeps] cropping up in the statements of those leaving the country. This morning I heard the message of a man who quite simply said that he felt like a ‘bnadem’ – a human being – there. This word touches me deeply, for it says it all. ‘Bnadem’ refers neither to the pursuit of success nor to comfort, nor even to rights in the legal sense: it is the most fundamental level of recognition. This shifts the entire analysis: they are not merely fleeing economic or political marginalisation; they are fleeing a place where they feel dehumanised…”
Under the slogan, ‘Revolution of the King and the People’, the Makhzen has repeatedly sought to consolidate its power and harness the mobilised masses, e.g. in May 2021, when Morocco temporarily eased border controls at Ceuta. The Green March of 1975 is the most prominent example. At that time, the US stood benevolently in the background, as it perhaps does today. But, as I said, speculation about external influence is not the focus of our interest.
The swimmers from Ceuta were not sent by the King. Ceuta 2026, like the Gen Z unrest, is rather an expression of a deep rift between the Makhzen and its megaprojects, on the one hand, and the mobilised young population, on the other. The point here is to focus on the essentials: more than 70,000 people are seeking dignity and a better life and are walking, swimming and running towards the European border regime.