Von der Revolution zur NGO Governance

November 29th, 2025

1.

Krieg der Grausamkeiten: Tötung, Vertreibung und Hunger

Der Krieg im Sudan ist, ähnlich wie der in Gaza, ein Prototyp der neuen Kriege, die sich gegen die Bevölkerungen richten. Wie Alex de Waal kürzlich dargelegt hat, gibt es weltweit eine Rückkehr der Hungersnot als Waffe und große Teile der Bevölkerung werden von Nahrungsmittelhilfen ausgeschlossen.

Worum geht es in diesem Krieg? Es handelt sich nicht nur um einen Krieg zwischen zwei Generälen. Dieser Krieg begann als Krieg der Konterrevolution und hat sich zu einer Ökonomie des Hungers, der Ausbeutung und der Vertreibung entwickelt. Wir werden das in den folgenden Absätzen erläutern.

Der Krieg wird mittlerweile für den Tod von bis zu 150.000 Menschen bei Massentötungen und von mehr als 500.000 Menschen aufgrund von Hunger verantwortlich gemacht. Es gibt 11,8 Millionen Vertriebene und Millionen Menschen, die von Hunger bedroht sind. Beide Kriegsparteien und die mit ihnen verbundenen Milizen haben Kriegsverbrechen begangen, doch ist es offensichtlich, dass die RSF, die auf ihre Erfahrungen in Darfur zurückgreift, mit den Emiraten im Hintergrund ein System entwickelt haben, um aus der Katastrophe Profit zu schlagen.

Who controls what

Quelle: Al Jazeera

Abgesehen von den Red Sea Hills im Osten, den Marra Mountains im Westen und den Nuba Mountains im Süden ist der Sudan ein flaches Land. Dies erklärt, warum es für die Hemedti-Milizen (RSF) im ersten Kriegsjahr recht einfach war, Söldner aus der Sahelzone zu rekrutieren und mit ihren Technicals rasch ins Zentrum des Sudan vorzustoßen. Die Armee (SAF) hatte keine Infanterie, sie warf Bomben ab. Khartum und Omdurman wurden von der SAF bombardiert und von der RSF geplündert. Lastwagen voller Beute fuhren nach Westen.

Im März 2025 gelang es der SAF, die Dreieckshauptstadt sowie die östlichen und zentralen Regionen des Sudan zurückzuerobern. Die SAF erhielt neue Waffen aus der Türkei, Ägypten und dem Iran und aktivierte islamistische Milizen, was für die Zukunft ein böses Omen ist. Die RSF wurde kontinuierlich von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt, die ihnen Waffen, Drohnen und kolumbianische Söldner lieferten, hauptsächlich im Austausch gegen Gold, aber auch gegen zukünftige Profite aus Vertreibungen.

Der zeitliche Verlauf des Krieges kann auf dem Sudan War Monitor verfolgt werden. Derzeit gibt es zwei Hauptschauplätze des Krieges: Kordofan mit wechselnden Frontlinien in der Region El Obeid und anhaltenden Massakern und Vertreibungen sowie Darfur, wo die RSF kürzlich (am 26.10.) El Fasher eingenommen und damit die endgültige Vorherrschaft in Nord-Darfur errungen hat. In den vergangenen Monaten gab es einem Zustrom neuer Waffen aus den Emiraten über Haftars Libyen. Seit Sommer 2025 kontrolliert die RSF die Grenzregion zu Libyen, was ihr bei künftigen Verhandlungen mit der EU Gewicht verleihen wird.

In Kordofan hat sich die SPLA-(N) mit der RSF verbündet und greift von den Nuba-Bergen aus an. Ihr Anführer ist mittlerweile Vizepräsident einer Parallelregierung unter der Präsidentschaft von Hemedti. Während die beiden Kriegsparteien um mehr Macht in der Region ringen, steigt die Zahl der getöteten Zivilisten beständig an.

In Darfur, in der Nähe von El Fasher, befanden sich riesige Flüchtlingslager, die noch aus den Völkermordkriegen in Darfur Anfang der 2000er Jahre stammten. Das größte dieser Lager, Zamzan, wurde durch die RSF in ein Militärlager und Artilleriebasis umgewandelt, während Hunderttausende Zivilisten fliehen mussten und unter unzähligen Misshandlungen litten. Aber das war nur der Auftakt. Die Eroberung von El Fasher ging mit Massenmorden und Kriegsverbrechen einher. Nicht nur Männer, die für Kämpfer gehalten wurden, sondern auch Patienten im letzten noch bestehenden Krankenhaus, das medizinische Personal und Mitglieder der Emergency Response Rooms (ERRs) wurden absichtlich getötet, Frauen vergewaltigt und misshandelt.

Für viele der Vertriebenen gibt es keine Chance auf eine Wiederansiedlung. Der aktuelle Krieg ist eine Fortsetzung des Darfur-Krieges, diesmal jedoch mit einer expliziten Perspektive der Kapitalisierung. Die Emirate und ihr Milizführer verfolgen ein Projekt des Landgrabbing durch Vertreibung. Die Massalit müssen von ihren Feldern vertrieben werden, die Fur aus ihren Mangoplantagen, die Zaghawa und Berti aus ihren weitläufigen Wirtschaftszonen. Der Sieger bekommt alles und errichtet Plantagen oder Rinderfarmen auf dem Land, das früher Bäuerinnenn und Hirten gehörte. Dieses Projekt wird in einem vom Sudan getrennten Warlordstaat Darfur leichter zu realisieren sein. Letztendlich gewinnen die VAE nicht nur Gold, Mineralien und Land, sondern sie profitieren auch von der humanitären Logistik, wenn die Vertriebenen in den Lagern von den Hilfsorganisationen mit Lebensmitteln versorgt werden. Wir werden später darauf zurückkommen.

2.

Humanitarismus, Intervention und Logistik

Im Westen des Sudan ist die Ernährung das dringendste Problem der Binnenflüchtlinge (IDPs). Die Vertreibungen und Plünderungen durch die RSF haben dazu geführt, dass in diesen Gebieten in der dritten Saison keine Landwirtschaft mehr betrieben werden kann. Das Land ist vollständig von Regenbewässerung abhängig. WFP, IKRK und NRC versuchen, Lebensmittel zu liefern, aber die Konvois geraten regelmäßig unter Beschuss der RSF. Durch die Verknappung wollen sie die Bevölkerung in Lager treiben. Es fehlt an Gesundheitsversorgung, insbesondere in den Gebieten, die unter der Kontrolle der RSF stehen. Das ist Hemedti egal, denn für ihn und die Emirate steht die Bevölkerung einer profitablen Verwertung entgegen und ist eine Last ohne Zukunft.

Seit November 2024 haben sich mehr als 2 Millionen Binnenvertriebene im Zentralsudan niedergelassen, insbesondere in den Bundesstaaten Gezira, Khartum, Sennar und Weißer Nil. Es gibt zahlreiche Notfallzentren (Emergency Response Rooms, ERRs), die sich um Gemeinschaftsküchen, Gesundheit und Bildung kümmern. Aber es gibt Einschränkungen für die Freiwilligen der ERRs, wie zum Beispiel die obligatorische Registrierung. Auch werden Hilfslieferungen von der SAF-Regierung aus Sicherheitsgründen absichtlich aufgehalten.

Die offizielle Hilfe für den Sudan ist stark unterfinanziert. OCHA hat 4 Milliarden US-Dollar für den Sudan Humanitarian Needs and Response Plan 2025 vorgesehen, wovon nur 26 % gedeckt sind. Die größten Geber sind die USA und die EU, während die Emirate nur mit einem geringen Beitrag von 9 Millionen Dollar beteiligt sind. Die Mittel der deutschen Regierung und der EU gehen hauptsächlich an große Organisationen wie das WFP, die FAO, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (und auch an die IOM, denn das “Better Migration Management” arbeitet in Kriegszeiten weiter. Die Geflüchteten vor Ort zu halten, ist ja das zentrale Anliegen der Geber.). Basisorganisationen können keine staatlichen Zuschüsse erhalten; nur gelegentlich erreichen informelle Lieferungen über die großen Organisationen die ERRs.

Was wir derzeit im Sudan beobachten, ist also eine Kombination aus gezielter Vertreibung und Aushungerung auf dem von der RSF kontrollierten Gebiet und auf Seiten der SAF einer Kombination aus Securitization der humanitären Hilfe, Einschränkungen für die ERRs und einem Wiederaufleben islamiastischer Organisationen. Beide Seiten etablieren ihr je eigenes Regime, um die Revolution zu begraben.

Ein Exkurs zu Gaza

Wir halten an dieser Stelle kurz inne, um auf die Kriegsführung gegen Bevölkerungen zurückzukommen. Israels Architektur der Besatzung ist schon seit Jahrzehnten ein Menetekel; Gaza ist in nun ein weiter gehendes Experimentierfeld. Im Krieg gegen die Hamas schnellte zunächst die Zahl der zivilen Toten, die Elimination eines Kämpfers in Kauf genommen wurden, in die Höhe. Es folgte die Vertreibung der Bevölkerung von einer „sicheren Zone“ zur nächsten. Die USA lieferten Bomben und humanitäre Hilfsgüter. Dann kam eine Periode systematischer Aushungerung. Hinzu kam die wahllose Jagd von Menschen auf der Straße mit Drohnen. All diese Entwicklungen haben wir in unserer Monthly Press Review regelmäßig dokumentiert.

Der Sommer 2025 war mit neuen Qualitäten verbunden: Im Plan einer Gaza Reviera ging es ohne Umschweife um die Anders-Verwendung des Territoriums und die Vertreibung der Bevölkerung. Die Verteilung von Lebensmitteln ging mit massenhaften Erschießungen einher. Derzeit werden Konzepte zur Neuansiedlung der Bevölkerung duskutiert: in Lagern unter israelischer Kontrolle, die „Alternative Safe Communities“ genannt werden.

Israel und die Emirate sind die aggressivsten Akteure einer Neugestaltung Westasiens. Sie verfolgen gemeinsame Interessen nicht nur hinsichtlich eines „militärisch-industriellen Rückgrats der Normalisierung“, sondern auch hinsichtlich der zivilen Kontrolle der Bevölkerungen. Palantir dient nicht nur der Kontrolle und Zielfindung in Gaza und der Westbank, sondern hat auch mit den UAE ein Joint venture gegründet, bei dem es um „secure, sovereign and high-impact AI applications“ geht – nicht zuletzt um die Kontrolle der Millionenzahl importierter Arbeitskräfte in den Emiraten. Ein wesentlicher Unterschied besteht natürlich darin, dass Israel direkt tötet, während die Emirate ihre Bevölkerungspolitik per proxy betreiben.

Humanitäre Kriegsführung und Logistik

Generell ist die Nothilfe seit dem Ende des Kalten Krieges gekennzeichnet durch die wachsende Kluft zwischen dem Eigenleben der großen Hilfsorganisationen und dem lokalen Hilfsbedarf, durch die zunehmende Verflechtung von Humanitarismus und militärischen Interventionen und nicht zuletzt durch den Verzicht auf Nothilfe und die Inszenierung von Kriegen als Bevölkerungspolitik. Die Nothilfe hatte bis 2022/23 kontinuierlich zugenommen, in den letzten Jahren jedoch nicht mehr, und sie ist derzeit rückläufig.

Um diese Zusammenhänge besser zu verstehen, wollen wir auf das Ende des Kalten Krieges zurückkommen. Michael Barnet hat in seinem Buch Empire of Humanity. A History of Humanitarianism (2011) die Situation der 1990er Jahre beschrieben, die eine frappierende Ähnlichkeit mit der heutigen Zeit aufweist. Er beschreibt, dass die

gleichzeitige Abnahme der Fähigkeit des Staates, Sicherheit zu gewährleisten oder grundlegende Regierungsaufgaben zu erfüllen, und der Aufstieg paramilitärischer Organisationen zu Kriegen ohne „Fronten“ führten, die Städte, Gemeinden und Dörfer in den Abgrund stießen. Zivilisten waren nicht mehr eine tragische Folge des Krieges, sondern vielmehr dessen beabsichtigte Ziele. (S. 161)

In dieser Situation verlagerte sich die Agenda der UN für den Frieden hin zu einer Agenda der humanitären Intervention. Ab 1991, mit der Reaktion auf die Notlage der Kurden nach dem Ersten Golfkrieg, entstand das Konzept der „sicheren Zufluchtsorte“ als Interventionskonzept. Ein Jahr später löste die Reaktion auf die Hungersnot in Somalia den militärischen Schutz für humanitäre Operationen aus („Shoot to Feed“). „Staatsaufbau“ wurde nun zu einem humanitären Ziel, das sich mit „gescheiterten Staaten“ als „Grundursachen“ menschlichen Leidens befasste.

Während eine der Ursachen für das Scheitern von Staaten in Barnets Buch nicht behandelt wurde, nämlich der Washington Consensus und die Konditionalität von Krediten, welche die Staaten zur Kürzung ihrer Sozialausgaben zwang, werden die Ergebnisse dieser Politik gut beschrieben:

Die Staaten begannen, ihre Sozialausgaben zu kürzen. Der Staat behauptete nun, dass die Grundversorgung eigentlich in den Zuständigkeitsbereich von Nichtregierungsorganisationen, religiösen Einrichtungen und sogar des privaten Sektors falle und von diesen effizienter gewährleistet werde. (S. 165)

Die Entwicklung der NGOs zum globalen Akteur ist ein Thema, das wir in diesem Zusammenhang nicht wirklich abhandeln können. Wie Gregory Mann beschrieben hat, haben NGOs wie WFP, USAID, MSF und Save the Children bereits in den 1970er Jahren ihre eigene Art der NGO-Governance in den Sahelstaaten etabliert. Und wie Islah Jad beschrieben hat, haben NGOs nicht nur die staatliche Governance ersetzt, sondern es gab auch das, was sie als „NGO-isierung von Bewegungen” bezeichnet hat. Wie sie 2004 schrieb

Die arabischen Frauen-NGOs könnten in ihrer derzeitigen Form und Struktur eine Rolle bei der Verteidigung der Rechte arabischer Frauen auf internationaler Ebene spielen, Dienstleistungen für bestimmte bedürftige Gruppen erbringen, neue Strategien und Visionen vorschlagen sowie Informationen generieren und verbreiten. Um jedoch eine umfassende, nachhaltige Entwicklung und Demokratisierung zu erreichen, ist eine andere Organisationsform mit einer anderen, lokal verankerten Vision und einer nachhaltigeren Machtbasis für sozialen Wandel erforderlich.

Follow the Money. Wir sind uns ziemlich sicher, dass eine Analyse der Rolle von NGOs im Zeitalter des Neoliberalismus ohne eine Analyse ihrer Finanzen und der Finanzialisierung ihrer Geschäfte nicht möglich ist. Diese Aufgabe steht noch aus.

Noch einmal zurück zu den 1990er Jahren:
Die UNO war während des Völkermords in Ruanda 1994 ein gleichgültiger Zuschauer, aber in Europa war das anders. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien lösten neue Entwicklungen in Richtung humanitärer Interventionen aus. In Bosnien wurde 1992 das Konzept der „sicheren Zufluchtsorte” wieder aufgegriffen, und das UNHCR koordinierte mehr als 250 Organisationen, um Hilfe zu leisten und gleichzeitig die Flüchtlinge von Westeuropa fernzuhalten („Eindämmung durch Wohltätigkeit”). Im März 1999, nachdem die NATO-Luftangriffe auf Belgrad vom serbischen Regime mit einer Welle ethnischer Säuberungen beantwortet worden waren, übernahm die NATO gemeinsam mit dem UNHCR die Kontrolle über die Organisation der Hilfsmaßnahmen, militarisierte die Flüchtlingslager und verwandelte das gesamte humanitäre Geschäft in „humanitäre Krieger”.

Diese gleichen Konzepte wurden auch für die US-Invasionen in Afghanistan (2001–2021) und im Irak (2003) angewandt. Im „Krieg gegen den Terror“ wurde Humanitarismus Teil der US-Militärstrategie. Zu dieser Zeit schalteten sich die Vereinigten Arabischen Emirate ein. Sie schickten nicht nur ihre Kampfflugzeuge nach Afghanistan, sondern wurden zum Drehkreiz militärischer Logistik und öffneten auch ihre Internationale Humanitäre Stadt in Dubai als logistisches Zentrum. Heute beherbergt dieser Bezirk die weltweiten Vorräte des UNHCR und ist ein wichtiger Standort des WFP.

In diesem Zusammenhang könnte man von einer „logistischen Wende“ des Humanitarismus sprechen. In seinem bemerkenswerten Essay hat Rafeef Ziadah am Beispiel der Emirate den Zusammenhang zwischen humanitärer Logistik, kommerziellen Interessen und militärischen Projektionen analysiert. Er vergisst dabei nicht zu erwähnen, dass Migrantennarbeit unter der strengen Überwachung eines Polizeistaats ein wesentlicher Faktor sowohl für die humanitäre als auch für die militärische Logistik ist. Ziadah hat seine Befunde in einem Artikel in MERP zusammengefasst und festgestellt:

Anstatt militärische Interventionen getrennt von sogenannten humanitären Agenden zu betrachten, ist es unerlässlich, die symbiotische Beziehung zwischen humanitärer, kommerzieller und militärischer Logistik nachzuzeichnen.

Die Emirate blicken auf eine bewegte Geschichte der militärisch-logistischen Umklammerung Afrikas zurück. Im Jemen und in Libyen haben die Emirate gelernt, Stellvertretermilizen und Söldner aus dem Sudan für ihre Agenda einzusetzen, und diesem Konzept folgen sie jetzt in Darfur, in einem größeren Maßstab. Im Zuge einer Ökonomie der Vertreibung wollen sie die Bevölkerung in Flüchtlingslager treiben und ein Regime aus Humanitarismus, Rohstoffabbau und Agrarindustrie errichten.

Es ist offensichtlich, dass lokale Strukturen des Widerstands und der gegenseitigen Hilfe, wie Widerstandskomitees und Notfallzentren, nicht in diese Agenda passen. Als sie El Fasher einnahmen, ermordeten die RSF eine große Anzahl von Mitgliedern aus Gemeinschaftsküchen und Freiwilligeninitiativen, zusammen mit Tausenden anderen Opfern.

3.

Emergency Response Rooms (ERRs) als Rückgrat der Hilfe

Da staatliche Strukturen in Bezug auf die Versorgung mit Lebensmitteln, Gesundheit und Bildung fehlen, haben die Widerstandskomitees (RCs) und ERRs diese Lücke seit Beginn des Krieges gefüllt. Wie The New Humaitarian (TNH) vor einigen Monaten schrieb:

Das Rückgrat der Hilfsmaßnahmen bilden von Jugendlichen getragene und nachbarschaftliche Selbsthilfegruppen, die als ERRs bekannt sind und zu Beginn des Krieges eingerichtet wurden, sowie andere lokale Gemeinschaftsinitiativen.
Mit Unterstützung lokaler und diasporischer Netzwerke sowie internationaler Geber haben die Nachbarschaftshelfer Millionen von Menschen erreicht – sie betreiben Suppenküchen, unterstützen Kliniken, halten die Infrastruktur am Laufen und starten Bildungs- und Fraueninitiativen.
Gegenseitige Hilfe ist in vielen Krisen von Bedeutung, aber das Ausmaß und die Auswirkungen der lokalen Bemühungen im Sudan sind besonders groß, und Freiwillige sagen, dass ihr auf Solidarität basierendes Modell eine Blaupause für eine neue Art von Politik und eine radikal andere humanitäre Hilfe darstellt.

ERR 2

TNH hat seit Juni 2023 eine Reihe von Artikeln über gegenseitige Hilfe und die ERRs veröffentlicht, bis hin zu dem Artikel über die Gemeinschaftsküche im Lager Tawila in der Nähe von El Fasher im Juli 2025. Inzwischen beherbergt dieses Lager viele Flüchtlinge, die aus El Fasher geflohen sind.

Die ERRs haben revolutionäre Wurzeln. Sie wurden von Widerstandskomitees (RCs) organisiert, die als zentrale Akteure im Kampf gegen das frühere islamistische Regime hervorgingen. Viele politische Akteure setzten darauf, dass die RCs eine zentrale Rolle im demokratischen Übergangsprozess des Landes spielen würden. Dank ihrer Erfahrung mit Selbstverwaltung und ihrer lokalen Präsenz boten sie echte Perspektiven für eine direkte Basisdemokratie.

Vor gut einem Jahr führten wir ein Gespräch mit Osman Abdallah, einem ehemaligen Aktivisten in Omdurman. Er erzählte uns, dass die Arbeit in den Widerstandskomitees

von Anfang an politisch war, aber die politischen Themen der Komitees gingen von den Bedürfnissen der Nachbarschaften aus. Und das ist eine Stärke. Es war keine Schwäche, wie es bei unpolitischen Themen der Fall ist. Sie kümmerten sich um Gas, Lebensmittel, Transport und so weiter. Es ging ihnen nicht nur um Versorgung. [...] Es war also von Anfang an politisch, aber sie sagen immer, dass humanitäre Arbeit in Krisenzeiten der Zugang zur Gemeinschaft ist. Es diente einem politischen Zweck.

Im April dieses Jahres, nach zwei Jahren Krieg, bezeichnete Quantara die ERRs als „revolutionäres Hilfsnetzwerk”, und im August erschien in African Arguments ein großartiger Artikel von Hana Jafar über die ERRs von Frauen, in dem sie ebenfalls auf die Verbindung zwischen den RCs und den ERRs einging:

Seit den Anfängen des Kriegs Mitte April 2023 haben sich die ERRs als praktische Erweiterung der Resistance Committees herausgebildet. [...] Wie diese sind auch die ERRs mehr als nur eine koordinierte humanitäre Hilfsmaßnahme, da ihre Arbeit und ihre Grundhaltung auf der ursprünglichen politischen Vision der Komitees aufbauen: dem Aufbau eines basisdemokratischen zivilgesellschaftlichen Raums, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt und darauf abzielt, das ungleiche Verhältnis zwischen Gesellschaft und Staat neu zu gestalten.
Durch die Anpassung des revolutionären Diskurses der Widerstandskomitees an die Realitäten des Krieges wurden die Räume zu einem einzigartigen soziopolitischen Phänomen. Sie bewahrten ihren partizipativen Charakter, auch wenn sich ihre Rolle von der Organisation von Protesten zur Erbringung von Dienstleistungen verlagerte. Ihr Konzept der „Volkssouveränität” manifestierte sich in der direkten Beteiligung der Bürger an Entscheidungsprozessen durch die Verteilung der Macht auf verschiedene kommunale Institutionen.

Die Zukunft der ERRs bleibt ungewiss. Die Verbündeten der SAF, wie die Türkei und Katar, befürworten islamistische Strukturen, und Ägypten befürchtet das Übergreifen revolutionärer Ideen. Im Westen des Sudan beseitigt die RSF jedes Hindernis, das sich ihr in den Weg stellt. Und wie wir nun sehen werden, gibt es zudem interne Streitigkeiten darüber, wie die ERRs in Zukunft aussehen sollen. Können sie an ihrem Konzept der Demokratie von unten festhalten, oder werden sie in einem Prozess transformiert, den wir als „NGO-isierung einer Revolution” bezeichnen könnten?

4.

Eine Konfrontation der Diskurse

Mit den Krisen und Regimewechseln lavierte die internationale Hilfe im Sudan zwischen Nothilfe in der Peripherie und traditioneller Entwicklungshilfe in Khartum. In den 1980er Jahren, die von Dürre, Krieg und Hunger in der Peripherie geprägt waren, versammelte sich unter dem Dach einer sogenannten Zivilgesellschaft eine neue Elite und übernahm die Ideologie und Praktiken der „NGO-Governance”. Jenseits von Armut und Hunger wurde nun über Menschenrechte und Empowerment gesprochen. Die sudanesische Forscherin Ragda Makavi hat diesen Prozess in einem Interview mit MERIP eindrucksvoll beschrieben.

In den 1980er Jahren war der Sudan (wie viele Staaten im globalen Süden) einer Liberalisierung durch internationale Finanzinstitutionen wie den IWF unterworfen, die Wirtschaftspolitik und Kredite von einer politischen und wirtschaftlichen Liberalisierung abhängig machten: Mit den Auflagen des IWF entstand eine neue Zivilgesellschaft, die stark von internationalen Gebern finanziert wurde. Dies führte zu einer Situation mit mehr Zivilgesellschaft, aber weniger Repräsentation – im Vergleich zu der Art von Basis-Zivilgesellschaft, die es in der gesamten Geschichte des Sudan gegeben hatte. [...] Mit der Liberalisierung verlagerte sich der Fokus eindeutig auf eine westliche Agenda zum Empowerment der Frauen, welche die vertikale Aufwertung von Frauen durch Professionalisierung im Hinblick auf eine Aufwärtsmobilität in der Gesellschaft durchsetzte. Dies führte zu einem kleinen Kreis von Elite-Frauen.

[…]

In den 2000er Jahren wurde der liberale Frieden zum vorherrschenden Rahmen. Es flossen Mittel in Projekte, die mit der Agenda für Frauen, Frieden und Sicherheit (wie sie in der Resolution des UN-Sicherheitsrats von 2000 festgelegt wurde) in Einklang standen. [...] Letztendlich isolierten diese Systeme die breite Öffentlichkeit von ihrer eigenen Kontrolle über das, was Frieden ist, und von den Interventionen der Zivilgesellschaft darin. Schlimmer noch, sie schufen parallele und isolierte politische Wege für Gruppen, abhängig von ihrem geografischen und ethnischen Hintergrund. Der Frieden in Darfur, wie auch im Südsudan, setzt einen Ansatz und einen Prozess sowie Instrumente und eine Sprache voraus, die sich von der Mainstream-Politik unterscheiden. Der Frieden fragmentierte das sudanesische Staatswesen auf regionaler und kommunaler Ebene und schwächte das nationale Identitätsgefühl.

We are locally led Care Sudan

© Care Org

Seit Beginn des Krieges wurden die Aktivitäten der NGOs im Sudan weitgehend eingestellt. Die Büros in Khartum wurden geschlossen, die Ausländer kehrten in ihre Heimatländer zurück und die sudanesischen Mitarbeiter zerstreuten sich. Ein Bericht der CCU-Sudan vermittelte einen Eindruck von der Vielfalt der Gruppen und Netzwerke der gegenseitigen Hilfe, insbesondere der ERRs. Ihre Koordination war schwach, und ihre Hauptfinanzierungsquellen waren lokale Beiträge. Daher versuchte die CCU-Sudan, diese lokalen Akteure mit Diaspora-Organisationen sowie größeren Gebern in Verbindung zu bringen, wobei sie deren Lokalität und Selbstbestimmung respektierte. Wie sie argumentierten,

sollten ERRs nicht als Institutionen im traditionellen Sinne betrachtet werden, sondern als Netzwerkknotenpunkte, die darauf ausgerichtet sind, lokale Ressourcen unter Nutzung lokaler Kapazitäten zu mobilisieren.

Seit kurzem ist die Notwendigkeit einer anderen humanitären Hilfe Thema vieler Veröffentlichungen. Das ist die Geschichte dahinter: Im Februar 2024 besuchten drei ERR-Organisatoren das UN-Hauptquartier und forderten die internationale Gemeinschaft auf, ERRs als Akteure im humanitären Bereich anzuerkennen und sie zu unterstützen. Im selben Jahr gingen sie als NGO online, mit dem Filmemacher Hajooj Kuka als „External Communications Officer”. Sie gründeten den Localisation Coordination Council (LCC) und konnten in den USA Kontakte zur Unitarian Church sowie zur Gruppe Proximity2Humanity aus North Carolina knüpfen. Es gab viel Lob dafür, dass die ERRs, organisiert vom LCC, den Rafto-Preis 2025 und den Alternativen Nobelpreis 2025 erhielten. Aber wir müssen in diesem Spiel auch die Worte von Jérome Tubiana im Hinterkopf zu behalten:

Westliche Politiker glauben nun, dass die Probleme des Sudan durch seine „Zivilbevölkerung” und „Zivilgesellschaft” (ungenau definierte Kategorien angesichts ihrer Zersplitterung und Hilflosigkeit) gelöst werden können, insbesondere durch die ERRs. Dies ist ein Zeichen dafür, dass sie jede Verantwortung für die Bereitstellung von Hilfe und die Beendigung der Gewalt abgegeben haben. Die ERR wurden letztes Jahr und dieses Jahr für den Friedensnobelpreis nominiert. Der Nobelpreis sei nicht wichtig, sagte mir einer der Gründer der ERR in Zamzam, die Priorität sei es, den Krieg zu beenden. Er befindet sich derzeit in einem Flüchtlingslager im Tschad und ist auf die unzuverlässigen Hilfslieferungen aus dem Westen angewiesen.

Nach dem Fall von El Fasher sprachen wir mit einem Mitglied des ERR Tawila. Zusammen mit MSF übernehmen sie die Verantwortung für mehr als eine halbe Million Flüchtlinge, darunter Tausende Neuankömmlinge aus Al Fasher. Sie organisierehn ein zweites Lager und haben den LCC um Unterstützung gebeten, jedoch ohne Erfolg. Sie erhalten etwas Hilfe vom WFP, NRC und anderen Gebern. Und sie hoffen, dass der fragile Schutz durch die SLA Bestand haben wird.

Care Sudan

© 2025 Mohamed Abdulmajid/CARE Sudan

Mit diesem Papier sprechen wir uns keineswegs gegen die direkte Unterstützung der ERRs aus. Was wir hier ansprechen möchten, ist die Etablierung einer NGO Governance durch die globalen NGOs. Teil davon ist die Verwandlung der ERRs, die ihren Ursprung in den revolutionären RCs und Traditionen der Gegenseitigkeit haben, in NGOs, wodurch sie von demokratischen Basisprojekten zu Projekten der Zivilgesellschaft werden. Der bereits erwähnte Hajooj Kuka beispielsweise hat die ERRs in Khartum als „Projekte der Zivilgesellschaft” neu definiert. Wie er sagte: „Wir organisieren uns mit Märkten, Händlern und Einzelpersonen”. In ähnlicher Weise ruft die UUSC zur Unterstützung der sudanesischen „Pop-up-Einrichtungen” auf, die ihrer Aussage nach während der COVID-19-Pandemie gegründet wurden. (Einige davon wurden tatsächlich während dieser Zeit gegründet, aber das ist nicht der springende Punkt.) Gerrit Kurtz und Andrea Böhm empfehlen in ihren deutschen Publikationen, den ERRs mehr Beachtung zu schenken. Aber auch sie verschweigen den revolutionären Ursprung der ERRs. Zwar mag LCC auf diese Weise mehr Spender:innen finden, aber das hat seinen Preis. Sie präsentieren das ERR-Modell auf dem globalen humanitären Markt, aber sie verzerren es dabei.

Der Übergang von revolutionären Komitees zu NGOs ist nicht nur eine Frage der Wortwahl und des Brandings, sondern eine grundlegende Konfrontation von Diskursen. Es geht um Basisdemokratie versus Hierarchien, kollektive Verantwortung versus Karriere und um die Macht, Freiwilligenarbeit zu befehlen und über Spenden zu verfügen. Wer sich in die Strukturen der großen NGOs eingliedern will, hat deren Regeln zu akzeptieren. Am Anfang ist man ein Bittsteller, aber der Zugang zu Macht und Geld macht süchtig. Später wird man zum Aufseher und Kontrolleur.

RCs waren das Rückgrat des Widerstands. Mit den ERRs tun wir das, was wir mit den RCs nicht tun konnten, weil ERRs nicht politisch sind“, sagte Yan Elobaid, Fundraising-Beauftragter bei LCC, als diese für den Livelyhood Award nominiert wurden. Und Hajooj Kula fügte hinzu, dass sie eine neue Demokratie in den Sudan bringen würden. Wir werden gleich sehen, um welche Art von Demokratie es sich dabei handelt.

Rev. Charter

Emblem der Revolutinären Charter

Emblema ERR

Emblem der LCC

Wenn man die Revolutionäre Charta vom Januar 2023, die in zahlreichen Diskussionen der Delegierten entstanden ist, mit der vorgefertigten Charta der LCC vergleicht, sieht man auf den ersten Blick den Unterschied in der Konzeptionn von „Demokratie“. Die Revolutionäre Charta spricht von der Macht des Volkes, die Charta der LCC von guter Regierungsführung. Sie richtet sich an internationale Geldgeber. Sie spricht von dekolonialisierter Hilfe, aber die Hauptvertreter, wie der Fundraising-Beauftragte und zwei Beauftragte für externe Kommunikation, sind Teil der westlichen NGO-Governance vom Typ McKinsey. Sie kommen mit ihren Whiteboards und Moderationskits und wissen schon im Voraus, wie das Ergebnis aussehen muss. Sie fühlen sich in der Welt der Papierarbeit, Projektanträge und Rechnungen zu Hause. Vergleichen Auf der anderen Seite stehen die RC-Aktivisten, die mit ihrem Elan und mit Facebook versucht haben, einen revolutionären Prozess in Gang zu bringen. Es ist eine grundlegend unterschiedliche Mentalität, die auf den beiden Seiten am Werk ist.

In seinem Blogbeitrag The Battle of Charters hat Taharqa Elnour den Wandel der politischen Haltungen während der Übergangsregierung im Sudan (Mitte 2019 bis Oktober 2021) und die Spaltung zwischen den RCs beschrieben, die zwischen Forderungen nach einer „sanften Landung” und Forderungen nach „radikalen Veränderungen” hin- und hergerissen waren.

Im Zentrum dieses Wandels stand eine bekannte Logik: Stabilität geht vor. Von internationalen Gebern, Entwicklungsagenturen und multilateralen Institutionen vorangetrieben, war die Idee verlockend – die Unruhen beenden, Investitionen sichern und Institutionen aufbauen. Dahinter verbarg sich jedoch ein impliziter Kompromiss: Gerechtigkeit für Ordnung, Transformation für Reformen und die Forderungen der Bevölkerung für die Prioritäten der Geber opfern.

Wie Elnour schreibt, wurde das liberale Friedensmodell – das Marktliberalisierung, Elitenpakte und technokratische Regierungsführung betont – schnell zum dominierenden Rahmen des kurzen Intermezzos vor dem Militärputsch von 2021:

Die Finanzierungsströme bestimmten die Agenda, und die Basisbewegungen wurden in professionalisierte Silos fragmentiert, die im Rahmenwerk der Geber und nicht mehr auf der Straße um Legitimität konkurrierten.
NGOs, einst als Verbündete des Wandels angesehen, wurden zu Vermittlern in einem entpolitisierten Spiel. Mit der internationalen Finanzierung kamen Bedingungen – nicht offen, sondern strukturell. Lokale zivilgesellschaftliche Organisationen passten sich an, nicht indem sie ihre politischen Wurzeln vertieften, sondern indem sie sich an die Checklisten der Geber anpassten. Infolgedessen wurde der revolutionäre Raum verwässert – seine Einheit zerbrach im Gerangel um Sichtbarkeit, Zugang und Überleben.

Eines der eindrucksvollsten Beispiele für diese NGOs, das Elnour erwähnt, ist Hajooj Kukas NGO Sudan Civic Lab, das 2021 gegründet wurde und sich die weit verbreitete Desillusionierung der Jugend gegenüber traditionellen Parteien zunutze machteindem es unabhängige Aktivisten anzog und ihre Energie von der Straße in von Gebern finanzierten Programme lenkte, die letztlich die revolutionären Forderungen abschwächen.

Zu Beginn des Krieges im April 2023 gab es innerhalb und zwischen den ERRs viele Diskussionen darüber, ob man sich bei der Humanitarian Affairs Commission (HAC) der Militärregierung registrieren lassen sollte, um eine gesetzliche Genehmigung für die Ausübung ihrer Aktivitäten zu erhalten. Wie der Bericht der CCU-Sudan veranschaulicht , gingen die Meinungen auseinander, und die Bedingungen in verschiedenen Teilen des Landes und innerhalb der ERRs führten zur Annahme unterschiedlicher Strategien. Heute ist die Situation ähnlich, da sich einige ERRs in der Hoffnung auf finanzielle Mittel der LCC-Initiative anschließen, während andere sich vehement dagegen wehren. Sie wissen, dass Kukas Initiative vom International Republican Institute ins Leben gerufen und finanziert wurde. In diesem Zusammenhang zitieren wir aus einer Erklärung des Koordinierungskomitees der Widerstandskomitees des Staats Khartum vom 21. Oktober 2024:

Wir lehnen die sogenannte Konferenz der Widerstandskomitees ab, die in Entebbe, Uganda, stattfinden soll. […] Dies ist ein offensichtlicher Täuschungsversuch, um die mit den Gebern vereinbarten finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen und im Gegenzug deren politische Agenda voranzutreiben. Daher ist es für uns unerlässlich, offen zu legen, wer diese Veranstaltung koordiniert hat: Musab al-Mahjoub, Mitglied des Humanitären Aktionskomitees des Koordinierungskomitees „Progress“; Ibrahim al-Hajj, Koordinator des amerikanischen „International Republican Institute“ (IRI); und Hajouj Kuka, Vertreter der Organisation „Qissat“. Diese Personen sind seit langem als Vermittler tätig, um Widerstandskomitees für die von internationalen Geheimdiensten geplanten Workshops zu gewinnen und in Projekte mit geheimdienstlichen Agenden zu investieren, die auf die Widerstandskomitees abzielen. […]

Wir werden diese vorsätzliche Sabotage nicht tolerieren, egal was es kostet. Die Handlungen der IRI-Koordinatoren, ihrer Geldgeber und der Personen, die diese Konferenz koordinieren, sind beschämend, da sie in jeder Hinsicht die Unabhängigkeit von Volksorganisationen und zivilgesellschaftlichen Gruppen im Sudan untergraben, ihre Stimmen vereinnahmen und fast 400.000 Dollar einsetzen, um deren politischen Positionen und Organisationsstrukturen zu beeinflussen, und zwar in Absprache mit einigen sudanesischen politischen Kräften. Diese Handlung kommt einem vollendeten Verbrechen politischer Korruption gleich und ignoriert die grundlegendsten Prinzipien und Werte von Forschungszentren und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich dafür einsetzen sollten, die Unabhängigkeit aller Komponenten des zivilgesellschaftlichen Raums zu gewährleisten, anstatt sie zu polarisieren oder zu kooptieren.

Wie aus dieser Erklärung hervorgeht, sind die Abgrenzungen tiefgreifend, und das LCC geht sehr konsequent vor, um seine Ziele zu erreichen. Wie gesagt wenden wir uns nicht gegen ERRs, die dringend auf Spenden angewiesen sind, aber die Probleme der Gehorsamkeit gegenüber den Spendern sind heute aktueller denn je. Es muss andere Wege geben, um die ERRs direkt zu unterstützen. Mit den Worten von Taharqa Elnoun:

Heute wird diese Vision [der RCs] bedroht – durch Bomben und Kugeln, aber auch durch Vorstandsetagen und Verhandlungstische sowie regionale und internationale „Friedensinitiativen”. Dennoch hält die Revolution an – nicht nur in der Erinnerung, sondern auch in den stillen Infrastrukturen der gegenseitigen Hilfe, den Netzwerken des Vertrauens und der anhaltenden Klarheit jener frühen Gelübde:
Keine Verhandlungen. Keine Legitimität (für die Militärregierung). Keine Kompromisse.

5.

Sudanesische Argumente

Die Analysen und Erfahrungen aus den sudanesischen Basisbewegungen äußern eine scharfe Kritik am konventionellen humanitären System und zeigen einen klaren, alternativen Weg in die Zukunft auf.

Die zentrale Kritik, die von Forscherinnen wie Ragda Makavi geteilt wird, lautet, dass das seit den 1980er Jahren etablierte internationale Gebermodell der „Zivilgesellschaft“ eine professionalisierte Elite hervorgebracht hat, die keinen Bezug mehr zur Realität an der Basis hat. Dieses System priorisiert eine „bereinigte“ Sprache von Menschenrechten und Empowerment gegenüber der kleinteiligen politischen Arbeit, die mit der Bewältigung alltäglicher sozioökonomischer Bedürfnisse verbunden ist. Das Ergebnis ist „mehr Zivilgesellschaft, aber weniger Repräsentation”, was historische, selbstständige Gemeinschaftsmodelle untergräbt.

Wir haben sudanesische Freund:innen um eine Stellungnahme zu den tatsächlichen benötigten Hilfslieferungen in den Sudan gebeten. Ihre Argumente sind nicht nur theoretischer Natur, sondern entspringen dem praktischen Kampf um Überleben und Souveränität.

Wie H*** erklärte,

gibt es viele große Probleme im Zusammenhang mit humanitärer Hilfe. Das Wichtigste ist die geringe Höhe der Hilfe, die für den Sudan bereitgestellt wird. Ein weiterer Faktor, der wesentlich zur Situation im Sudan beigetragen hat, ist die Bürokratie der De-facto-Regierung. Hinzu kommen die Schwierigkeiten, die Menschen mit humanitärer Hilfe zu erreichen, insbesondere in Gebieten unter der Kontrolle der RSF, aber auch die lange Wartezeit, bis die SAF-Regierung die Genehmigung für die Lieferung von Hilfsgütern erteilt. Sowohl die HAC (Humanitarian Aid Commission, bei der sich die ERRs registrieren lassen müssen) als auch die SAK(die Stelle , die die Hilfsgüter genehmigt) werden von den Sicherheitsbehörden verwaltet. Sie behandeln humanitäre Hilfe aus einer Sicherheitsperspektive, was die Hilfe für die Menschen zusätzlich zu der bereits zerstörten Infrastruktur noch teurer macht. Im Allgemeinen macht die Verwaltung der Hilfe fast 40 % ihres Wertes aus, manchmal sogar mehr!
Obwohl die sudanesische Bevölkerung mit lokalen Initiativen wie den ERRs große Erfahrung mit humanitärer Hilfe von unten hat, indem sie Dinge auf dem lokalen Markt kauft, folgen die internationalen NGOs diesem Konzept nicht. Das hat natürlich etwas mit der Bürokratie zu tun, hängt aber auch eng mit den Interessen der Transportunternehmen und anderen kapitalistischen Faktoren zusammen, die an diesem Prozess beteiligt sind. Es gibt noch eine weitere politische Dimension, die tief in dem Wunsch begründet liegt, die bedürftigen Gemeinschaften von Hilfe abhängig zu halten.

Die Idee des LCC war es, die ERRs zu koordinieren und Wissen und Erfahrungen auszutauschen, aber im Laufe der Zeit verwandelte es sich in ein Gremium, das den lokalen/untergeordneten Notaufnahmen die Entscheidungsgewalt entzog. Dies ist ein Versuch, diese ERRs von Basisorganisationen mit eigenen Entscheidungen und Visionen in bloße Mechanismen zur Umsetzung der Vision des LCC zu verwandeln. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die LCC-Mitglieder nicht von den ERRs gewählt oder auch nur nominiert werden, was zu einem grundlegenden Problem führt: dem Mangel an Rechenschaftspflicht, wodurch ihre Loyalität gegenüber den Gebern größer ist als ihre Loyalität gegenüber humanitären Bedürfnissen und der Basisarbeit das Feuer genommen wird. Dies ist durchaus beabsichtigt, um den Entscheidungskreis zu verkleinern und zu zentralisieren. Es gibt Bemühungen, die LCC wieder an ihren Ausgangspunkt zurückzuführen, der ein Ort des gegenseitigen Lernens und der Koordination sein sollte, anstatt Entscheidungen im Alleingang zu treffen.

Die Erfahrungen, die Razaz H.Basheir und ihre Kolleginnen aus dem Forschungszentrum ISTanD geteilt haben, liefern ein konkretes aktuelles Beispiel für diesen Konflikt und einen möglichen Ausweg. Ihre Arbeit mit den bäuerlichen ERRs in Darfur verdeutlicht die grundlegende „Finanzierungsfrage” als Engpass. Von Anfang an äußerten diese ERRs den Wunsch, über die reine Bereitstellung von Dienstleistungen hinauszugehen und zu produktiven Aktivitäten zu kommen, die eine langfristige Selbstversorgung gewährleisten könnten.

Diese Vision steht in direktem Widerspruch zu einem System permanenter Abhängigkeit. Wie Basheir erklärt, ist die „offensichtliche Antwort” der Übergang von der Abhängigkeit von Finanzmitteln zur Selbstversorgung. Dies sei kein fernes Ideal, sondern ein praktisches Ziel. In der regenbewässerten Landwirtschaft beispielsweise könnten Landwirte mit einer bescheidenen Anfangsinvestition innerhalb von zwei bis drei Saisons Selbstversorgung erreichen. Der logische nächste Schritt, den Basheir als „den klarsten Weg” bezeichnet, bestünde darin, durch lokale Produktion einen Mehrwert für landwirtschaftliche Produkte zu schaffen, wodurch die Zahl der Begünstigten erhöht und widerstandsfähige lokale Wirtschaftssysteme aufgebaut werden könnten.

Über die Kritik hinaus entwickelt die sudanesische Zivilgesellschaft alternative Finanzierungsmodelle, die mit ihren revolutionären Prinzipien der Solidarität und Selbstständigkeit im Einklang stehen:

  • Das Diaspora-Abonnementmodell: Initiativen wie das Sudan Solidarity Collective in Kanada verfolgen einen gemeinschaftsorientierten Ansatz, bei dem die Diaspora bestimmte Projekte direkt und kollektiv finanziert und dabei große bürokratische Zwischeninstanzen umgeht.
  • Das Modell der sozialen Vermögenswerte: Hierbei handelt es sich um eine radikale Neukonzeption von Ressourcen, die über monetäre Transaktionen hinausgeht. Es beinhaltet die Mobilisierung lokaler, nicht-finanzieller Vermögenswerte – ein Lkw, eine Fertigkeit, ein Stück Land oder Arbeitskraft –, wobei die Rendite auf Teilen und kollektivem Nutzen basiert und nicht auf monetärem Gewinn. Dieses Modell nutzt die vorhandenen Stärken der Gemeinschaft und verteilt Ressourcen gerecht. Dieses partizipative Modell ist eine Garantie gegen Hegemonie und Kooptation. Es stellt sicher, dass der Prozess in den Händen der Menschen bleibt und ermöglicht ihnen, ihre Fähigkeiten und ihr Engagement zu entwickeln. Wie Basheir abschließend feststellt, handelt es sich hierbei „absolut um eine politische Aktion”. Es geht direkt darum, einen zivilgesellschaftlichen Raum zu schaffen, in dem die Volkssouveränität täglich gelebt wird und sichergestellt wird, dass die aus der Revolution hervorgegangenen Gremien überleben und ihre Zukunft unabhängig von externen Agenden selbst gestalten können.

Hinter diesen praktischen Bemühungen steht eine tiefgreifende politische Notwendigkeit. Wie Bashir ausführt, geht es in dieser grundsätzlichen Dskussion darum, die Vereinnahmung der Basisgruppen zu verhindern. Die ERRs und RCs sind basisnahe, revolutionäre Strukturen. Der Schlüssel zu ihrem Schutz und zur Erhaltung ihrer „revolutionären Keime” liegt in der Ausweitung der Beteiligung der Bevölkerung.

Zusammenfassung der sudanesischen Argumente:

  1. Ablehnung von Abhängigkeit: Das derzeitige internationale Hilfssystem schafft oft eine professionalisierte Klasse und fördert langfristige Abhängigkeit, wodurch die lokale Autonomie und Rechenschaftspflicht untergraben werden.
  2. Forderung nach Souveränität: Die Unterstützung muss so geleitet werden, dass sie die revolutionären Prinzipien der Selbstständigkeit, der direkten Demokratie und der Volkssouveränität, die von den ERRs und RCs verkörpert werden, stärkt und nicht untergräbt.
  3. Investitionen in die Produktion, nicht nur in den Konsum: Die Priorität für lokale Gruppen liegt darin, produktive, nachhaltige Wirtschaftssysteme aufzubauen – von der Landwirtschaft bis zur wertschöpfenden Fertigung –, die den Kreislauf der Nothilfe durchbrechen.
  4. Innovation bei der Mobilisierung von Ressourcen: Basisgruppen sind Vorreiter bei der Entwicklung nicht-extraktiver Finanzierungsmodelle, die auf der Solidarität der Diaspora und der Mobilisierung sozialer Vermögenswerte basieren und besser mit ihren gemeinschaftlichen Werten im Einklang stehen.
  5. Partizipation als Schutz: Eine breite Beteiligung der Gemeinschaft wird als wichtigste Verteidigung gegen die Vereinnahmung dieser Bewegungen durch bewaffnete Gruppen, politische Eliten oder NGOs angesehen. Solidarität muss daher darauf abzielen, diese partizipative Basis zu verbreitern und nicht zu verengen.